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Besprechung
10.2016


Isabelle Fehlmann :  Die Sehnsucht nach Seinszuständen jenseits physischer und psychischer Grenzen stillt und nährt der Rausch zugleich. Die Ausstellung ‹Im Rausch. Zwischen Höhenflug und Absturz› zeigt dies anhand von zwanzig Positionen und lässt auch das Erleben von Kunst zum berauschenden Akt werden.


Warth : Zwischen Höhenflug und Absturz- Berauschte Gegenwartskunst


  
Ueli Alder · Walser rauchend, 2015, Anthotypie aus Tabak


Die Kuratorinnen Stefanie Hoch und Rebekka Ray fragen in ihrer internationalen Gruppenausstellung mit einer geschickten Zusammen- und Gegenüberstellung nach der Rolle des Rausches in der Kunst und allgemein in der Gesellschaft unserer Zeit. In unterschiedlichen Medien und Ansätzen thematisieren die Werke Zustände wie Entrückung und Wahrnehmungssteigerung, aber auch Sucht und Zerstörung. Gerade vor der idyllischen Kulisse der ehemaligen Klosteranlage Kartause Ittingen bietet die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Rauschs ein besonderes Spannungsmoment. Zudem verweisen die umliegenden Weinreben auf den Konsum von Alkohol und die barocke Klosterkirche auf die meditationsartigen Gebetstraditionen der Kartäusermönche - beides bewährte Mittel für Rauschzustände. Wie als Echo dieser Begebenheiten hängt am Anfang der Schau eine Auswahl an C-Prints aus der Serie ‹All You Can Feel/Planets› von Sarah Schönfeld (*1979, Berlin). Die Künstlerin hat Rauschmittel wie Kokain, aber auch körpereigene Glückshormone wie Dopamin auf Fotopapier geträufelt. Über einen chemischen Prozess generieren die Substanzen faszinierende Bilder ihrer selbst.
In der Geschichte der Kunst ist der Rauschzustand - als gar mythisch beladene Form gesteigerter Schaffenskraft - seit jeher nicht wegzudenken, worauf einige der gezeigten Arbeiten referenzieren. Der Fotograf Ueli Alder (*1979, Urnäsch) zeigt beispielsweise Aufnahmen des schlafenden und rauchenden Andreas Walser, der im Kreis der Pariser Kunstszene mit Drogen in Berührung kam und 1930 an einer Überdosis starb. In der tradierten Fototechnik der Anthotypie behandelt Alder das Trägerpapier vor dem Belichten mit Kaffee, Wein oder Tabak, um unterschiedliche Färbungen zu erzielen. Eine intime Annäherung an den Rausch schafft die Videoprojektion von Ursula Palla (*1961, Chur). Die verlangsamte 12-minütige Sequenz ‹Down›, 2013, zeigt das Gesicht eines Bikers kurz vor der Abfahrt. Ungeschnitten fokussiert die Kamera auf die Mimik des Fahrers. Seine Konzentration und Präsenz kontrastieren wuchtig zum bevorstehenden Abtauchen in einen Geschwindigkeits- und Adrenalinrausch. Schliesslich hat Pipilotti Rist (*1962, Grabs) eine ganze Ausstellungsklause bespielt: In zwei wandfüllenden Filmprojektionen fliessen Aufnahmen von Wasser, Gräsern und Haut wortwörtlich ineinander und lassen das Rezipieren an sich zum berauschenden Erlebnis werden.

Bis: 16.12.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Im Rausch. Zwischen Höhenflug und Absturz [05.06.16-16.12.16]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Thurgau [Warth/Schweiz]
Autor/in Isabelle Fehlmann
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