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Besprechung
10.2016


Patricia Grzonka :  Ein Kulturraum, in der Schweiz nicht unbekannt, seine versteckten architektonischen Besonderheiten erreichen aber doch nur selten die Öffentlichkeit: Oberitalien und seine Nachkriegs­architektur. In Winterthur zeigt das Forum Architektur ein aussergewöhnliches Fotoprojekt von Martin und Werner Feiersinger.


Winterthur : Italo Modern - Gesellschaftslabor


  
links: Giuseppe Pizzigoni · Chiesa Santa Maria Immacolata, Bergamo, 1960-63. Foto: Werner Feier­singer
rechts: Filippo Monti · Woodpecker, ehemalige Discothek bei Milano Marittima, 1967-68. Foto: Martin Feiersinger;


‹Italo Modern› nennen die beiden in Wien lebenden Brüder Martin und Werner Feiersinger ihr seit Jahren laufendes Rechercheprojekt, das sie zu italienischen Bauten der Jahre 1946-76 geführt hat. Von Turin bis Triest besuchten sie in unzähligen Reisen Bauwerke - Hotels, Villen, Kirchen, Banken, aber auch eine Disco oder einen Schweinestall -, die selten in einem offiziellen Reiseführer vermerkt sind, die aber dennoch einen Teil einer spezifischen «Italianità» ausmachen. Die schnörkellosen Fotos des Künstlers Werner Feiersinger zeigen dabei ein experimentelles Formenvokabular, das weit über das übliche, oft triste funktionalistische Strassenbild der Nachkriegszeit hinausreicht und gerade heute wieder fasziniert. Die akribische Recherche beinhaltet aber auch Pläne und Dokumentationen sowie kurze, prägnante Baubeschreibungen des Architekten Martin Feiersinger. Beides, Fotos und Texte, bildeten die Grundlage für die Publikationen ‹Italo Modern› 1 und 2, zwei Publikationen, die über eine spezifische Fachwelt hinaus Interesse hervorgerufen haben und beide bereits vergriffen sind. Neuauflagen sind in Planung.
Die Schau zeigt erstmals in der Schweiz Fotos fast aller rund zweihundert dokumentierten Bauten, und zwar in einer sehr dichten Hängung: ein Panoptikum der Spätmoderne in Italien, jenseits der sich streitenden Architektur-Ismen. Da findet man einerseits die ausdrucksstarke Form der Torre Velasca in Mailand, die bis heute enigmatisch vom Aufbruch in eine neue Zeit kündet, aber auch eine expressive Kirchenarchitektur wie Giuseppe Pizzigonis Chiesa Santa Maria Immacolata in Bergamo von 1963. Bekannte Beispiele aus Ivrea mit der Firmenarchitektur von Olivetti sind dabei - das Olivetti-Hotel mit seiner markanten, «sprechenden» Architektur oder der Betriebskindergarten von Mario Ridolfi und Wolfgang Frankl. Auch Trouvaillen berühmter Architekten finden sich, wie etwa ein kubisches Sommerhaus von Aldo Rossi, das seinen Adolf-Loos-Einfluss nicht verstecken kann und bisher kaum im Rossi-Œuvre aufgetaucht ist. Das organisch-schneckenartige Strandhaus von Vittorio Giorgini an der gleichen Küste bildet den denkbar grössten Gegensatz in dieser elastischen Architekturepoche. Die Fülle an unorthodoxen und extravaganten Gebäuden, die hier präsentiert wird, ist nicht nur Ausdruck eines weniger regulierten Baugeschehens, sie zeugt auch von einer gesellschaftlichen Vision und vom optimistischen Aufbruch in eine Welt, in der (noch) alles möglich schien.

Bis: 04.11.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Italomodern [23.09.16-04.11.16]
Institutionen Forum Architektur Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Patricia Grzonka
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