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Besprechung
10.2016


Dominique von Burg :  Sabian Baumanns Grundaussage, dass wir ein «Patchwork der Welt» sind, spiegelt sich in surrealen, traumartigen, hybriden Bildwelten, in einer Comic- und Fantasy-Sprache, die selbst ­völlig Disparates kombiniert. Die Ausstellung bei Mark Müller öffnet ein Fenster in eine eigene Welt offener Denkräume.


Zürich : Sabian Baumann - Porträts


  
Sabian Baumann · Selbst in kosmischer Form (aus der Serie Interpretationen), 2016, Bleistift auf Papier, 200x130 cm


Bisher wusste ich nicht, dass selbst die Sonne depressiv sein kann, was einen letztlich nicht erstaunt angesichts all der schmutzigen Stellvertreterkriege, die alte Kulturen ihrem Untergang entgegenbomben. Sabian Baumann (*1962) hat eine Sonne mit zackigen Strahlen aufs Papier gebannt. Deren Gesicht ist zur Hälfte von einem schwarzen Planeten verschattet, und tränengleich entströmen der Sonnenscheibe zeichnende Hände. Im Blatt ‹Selbst in kosmischer Form›, 2016, gestalten sie verschiedenste rätselhafte Bildfindungen und Symbole des kollektiven Gedächtnisses: eine von der Darstellung des Gottes Krishna inspirierte vielarmige, -beinige, -köpfige Gestalt. Real-surreale Beine besiedeln die Bereiche über und unter dem ­Boden. Baumann verweist so auf die hinduistische Philosophie, wonach Leben und Tod an ein ewig drehendes Rad gebunden sind. Sonne, Mond, Gespenster und eine meditierende Buddhafigur bilden die Eckpunkte dieses sich unendlich entwickelnden und ausdehnenden Kosmos. Es ist eine Art Programmbild. In wunderlichen ­Sujets und Narrationen thematisiert Baumann neben existenziellen Fragen Befindlichkeiten, Behinderungen und gesellschaftliche Aspekte. Zentral ist dabei die sich durch unsere Prägungen immer weiter entwickelnde Identität. Häufig blitzen lyrische und tragikomische Momente auf, die gängige Wertvorstellungen mit Verve unterwandern.
Durch die stilistischen Verweise muten die Bilder wie gezeichnete Collagen an und generieren eine Spannung, die den Widerstand gegen gesellschaftliche Erwartungen und stereotype Codes widerspiegelt wie auch die damit einhergehenden Gefühle von Unbehagen und Leid. Neben Fragestellungen rund um die Identität umfasst Baumanns Werk zahlreiche kollaborativ konzipierte, queer- und prosex-feministische Kunstprojekte, die sie oder die er, Baumann setzt hier von sich selbst sprechend «der Künstler*» ein (die Sternchen entstammen der Subkultur und stehen für Vielfalt: männliche, weibliche, transweibliche, etc.), mitorganisiert und oft auch initiiert hat. So hat er* u.a. 2008 zusammen mit der Filmemacherin Karin Michalski den Film ‹Working on it› realisiert. Bei Mark Müller veröffentlicht er* die Edition ‹An Unhappy Archive›. Als kollektives, feministisch-queeres und antirassitisches Projekt rekurriert es auf Sara Ahmed und versammelt u.a. künstlerische und aktivistische Bücher und Texte, die gesellschaftliche Normen von Glück in Frage stellen.

Bis: 15.10.2016


‹Unhappy Evening›, Konzert, Performance und Buchvernissage, OOR Saloon & Killjoys, 15.10; Publikation: ‹An Unhappy Archive›, Sabian Baumann, Karin Michalski, edition fink



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Sabian Baumann, René Zäch [27.08.16-15.10.16]
Institutionen Galerie Mark Müller [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Sabian Baumann
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