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Besprechung
10.2016


Deborah Keller :  Das Johann Jacobs Museum zeigt nach nur zwei Jahren erneut eine Schau von Zheng Mahler, alias Daisy Bisenieks und Royce Ng. Mit teils rätselhaften Bildern und Objekten verweisen die beiden auf die komplexen Zusammenhänge in den historischen Handelsbeziehungen zwischen China und der Schweiz.


Zürich : Zheng Mahler - Vom Rad der Zeit und den Knochen der Berge


  
links: Zheng Mahler · Mutual Aid, 2016, Installationsansicht, Johann Jacobs Museum, Zürich
rechts: Zheng Mahler · Mutual Aid, 2016, Installationsansicht, Johann Jacobs Museum, Zürich


Betritt man in der herrschaftlichen Villa des Johann Jacobs Museum die unterirdischen Ausstellungsräume, erlebt man einen effektvollen Kontrast: Das Hongkonger Künstlerduo Zheng Mahler zeigt hier eine Gesamtinstallation, die sich gerade im Gegenüber mit der wohlgeordneten Designmöbel-Landschaft des Hauses sogleich als komplexes Konstrukt offenbart, das eine lineare Lesart ausschliesst.
Transportkisten dienen neben kniehohen gläsernen Displays als Ausstellungssockel. Eigentümliche Porzellangefässe sind darauf und entlang der Raumwände arrangiert. Wenige Objekte werden museal unter Plexiglashauben präsentiert, etwa eine 1939 gedruckte chinesische Ausgabe eines Buchs von Peter Kropotkin mit Titel ‹Mutual Aid›. Viel Aufmerksamkeit ziehen drei Video-Diptychen auf sich, die in Sichtdistanz voneinander entfernt platziert sind. Bei einem blickt man zum Beispiel in ­eine chinesische Keramikwerkstatt, wo unter dem Druck flinker Hände geschmeidige Formen gedreht werden, von denen man einige in den Gefässen der Installation wiederfindet. Der parallel laufende Film zeigt eine Schweizer Berglandschaft, das Innere einer altertümlichen Uhrmacherstube oder den Betrieb einer hochmodernen Uhrenfabrik. Wiederum nebenan werden Muschelschalen in einem Mörser zerstampft - im Hintergrund chinesisch Gesprochenes, das sich, wenn man zum nächsten Diptychon wechselt und die Untertitel liest, als kryptische Sage entpuppt, in der ein Volk vor Fluten ins Gebirge flüchtet und dort lernt, wie man die «Knochen der Berge» zu Juwelen verarbeitet. Im dritten Filmpaar erzählt eine westliche Frau von einem anderen kleinen Bergvolk, das Autonomie, Föderalismus und ja, Anarchie hervorbrachte.
Das alles sind präzise orchestrierte, rätselhafte Puzzleteile eines Gesamtbilds, das die Künstler aufwändig recherchierten: Thema ist die historische Dimension der Handelsbeziehungen zwischen China und der Schweiz und die Rolle, die Porzellan und Uhren dabei spielen. Ein Erzählstrang gilt der Westschweizer Juraföderation, der Uhrmachervereinigung, die um 1870 mit ihrer anarchistisch organisierten Produk­tionsweise europaweit Beachtung fand. Auch beim Russen Kropotkin, der darauf basierend einen der wichtigsten Texte des Anarchismus verfasste. Das dort beschriebene Prinzip der «gegenseitigen Hilfe» ist in Chinas Wirtschaft bis heute zentral. Die gesamte Komplexität der Schau erschliesst sich nur über den Begleittext, die Installation selbst weckt über ästhetische Reize vage Ahnungen.

Bis: 30.10.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Zheng Mahler [14.07.16-30.10.16]
Institutionen Johann Jacobs Museum [Zürich/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
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