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Besprechung
10.2016


Philipp Spillmann :  Das Schweizer Künstlerduo Rico & Michael inszeniert sich selbst als weibliche Bodybuilder, als nackte Statuen oder als Landschaften - vorwiegend fotografisch. Nun sind sie zu Gast im Atelier Hermann Haller, und so unterschiedlich die Positionen, so nah kommt man sich doch.


Zürich : Rico & Michael - Hard Breaks, Soft Power


  
Rico Scagliola & Michael Meier · Aquaman, 2013, Digital Photo ©ProLitteris


Eines haben die Arbeiten des Künstlerduos Michael Meier (*1982, Chur) und Rico Scagliola (*1985, Uster) mit denjenigen der Schweizer Plastiker-Koryphäe Hermann Haller (1880-1950) gemeinsam: Sie fokussieren mitten auf die Problem­zone - sei sie nun ästhetisch oder gesellschaftlich. Dennoch könnten sie fast gegenläufiger nicht sein. Hallers Körper loben die Erotik, Rico & Michaels Körper unterwandern sie. Haller fertigte monumentale Nacktfiguren für den öffentlichen Raum, Rico & Michael konterkarieren deren Sexualität mit ihren eigenen Körpern. Das Atelier Hermann Haller lud nun die beiden Künstler für einen Gastauftritt ein. Dabei zog das Duo alle Register. Das Atelier haben sie gleich dreifach reflektiert: als Arbeitsort, als architektonischen Raum und als Ort mit eigener Geschichte. Hallers Skulpturen sind im Hauptraum grosszügig verteilt und gruppiert, fast als ob der Künstler noch bei der Arbeit wäre. Im Nebenraum qualmt noch eine Zigarette. Gleichzeitig mischen sich ­eigene Fotografien zwischen die künstlichen Erinnerungen. Über den Holzboden ­haben die Künstler den Boden ihres eigenen Ateliers gelegt. Und ein Beamer projiziert ein Video in die obere Raumecke. Es zeigt eine Kamerafahrt durch das Atelier.
Ihre eigenen Arbeiten haben Meier und Scagliola teilweise ebenso schonungslos neu gedeutet wie die Hallers. Dieser wird trotz aller offenkundigen Brüche sehr sorgfältig behandelt. So platziert das Duo die Fotografie eines jungen Schaufensterputzers vor einen der Spiegel, mit denen Haller gearbeitet hatte. Die Spiegelung im Bild ersetzt gewissermassen den Spiegel des Ateliers, und die bereits thematisierten Rahmungen (bspw. das Schaufenster, der Bildausschnitt, die Momentaufnahme) werden um eine weitere ergänzt: nämlich das Atelier mit seinen Requisiten. Andererseits nutzen sie die Gegenüberstellung mit Hallers Werken, um ihre eigenen Fragen, etwa nach Schönheit, ihrer Inszenierung und ihrem sozialen Kontext, nachzugehen. Davon erzählt bspw. eine Aneinanderreihung von Mini-Passbildern verschiedener Schönheitsköniginnen, bei denen sich je eine Fälschung mit Rico und Michael als vermeintliche Missen eingeschlichen hat und die neben eine Tribüne gehängt wurden, auf der Hallers Frauenbüsten stur aufgereiht in den Raum starren. Man merkt: Im Zentrum der Ausstellung steht weder Kritik noch Nachahmerei eines inzwischen eher veralteten Köperbildes, sondern der Wille, die Chance wahrzunehmen, den eigenen Blick am andern zu schärfen.

Bis: 30.10.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Michael Meier, Rico Scagliola [24.06.16-30.10.16]
Institutionen Atelier Hermann Haller [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Rico Scagliola
Künstler/in Michael Meier
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