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Besprechung
10.2016


Irene Müller :  Edit Oderbolz' Arbeiten knüpfen in ihrer Dinglichkeit und Materialität an Alltagserfahrungen an. Sie werten den von ihnen besetzten Raum um und behaupten sich in ihrer zurückhaltenden Erscheinung als eigenwillige, teils sperrige, aber auch erfreulich kommunikative Zeitgenossen.


Basel/Muttenz : Edit Oderbolz - Minimal, doch mit allen Schikanen


  
links: Edit Oderbolz · Pose, 2016, Armierungsstahl, Lack, Grösse variabel. Foto: Gina Folly
rechts: Edit Oderbolz · Now Rain, Now Sun, 2016, Melonen, Zeitungen, Armierungsstahl, Lack, Stoffe, Grösse variabel. Foto: Gina Folly


So lassen die aktuellen Installationen, Bilder und Objekte ein spezifisches Interesse an potenziell beweglichen Raum-Operationen erkennen, an einer latenten Mobilität von Elementen und Strukturen. Denn in welchem Verhältnis zueinander stehen Melonen und gefaltete Zeitungen, die ‹Now Rain, Now Sun› ein klar abgegrenztes Terrain zuweisen? Wie korrespondieren die Kräfte, die sie geformt und an ihren aktuellen Ort befördert haben? Es reicht eine Bewegung, um ihre momentane Gestalt zu verändern: Während mit einem Handgriff aus Lesestoff Papierzelte entstanden sind, also die Fläche in den Raum gewendet wurde, birgt die Kugelform der Melonen grundsätzlich die Möglichkeit der Ortsveränderung in sich. In dieses Gefüge bricht das weisse Gitter wie ein Fremdkörper ein, aus dem Nichts kommend, mit «wehenden Fahnen» - ein exakter, wenn auch gespenstisch verschleierter Raster, unverrückbar sowohl im ästhetischen Anspruch als auch in der konkreten Position. Melonen und Zeitungen wiederum agieren in der Installation als «Bodendecker», ambivalent in ihrer Griffigkeit und Materialität, doch kollegial verbunden im Auslösen von realen und imaginären Bewegungsimpulsen: in die Knie gehen, um unter die Zeitungszelte zu spähen, dabei gleichzeitig die prallen Melonen im Blick, die ja wegrollen und für die Zeitungszelte zur Gefahr werden könnten.
Die schwarze Metallstruktur, die sich durch den angrenzenden Raum schwingt, ist von zeitloser Eleganz und trotz ihrer Monumentalität von fragiler Körperlichkeit. Obschon die Arbeit den Blick in die Raumtiefe verstellt, lenkt sie ihn auf Architektur und Einbauten und befragt deren Verhältnisse zueinander. Die dünnen Beine halten die Konstruktion in Balance, bringen das feste Gefüge der «Volumina» jedoch in eine prekäre Situation, die letztlich nur durch die perspektivische Überlagerung von Raum und Gitter, von Eingeschlossenem und Ausgegrenztem stabilisiert wird. In ihrer Ambivalenz von Modellhaftigkeit und skulptural-installativer Behauptung korrespondiert die Installation mit den ‹Doors and Windows›, die entlang der Wände platziert sind. Und abermals katapultiert der reduzierte Habitus das Assoziationsfeld in Bereiche des Imaginären, des Leiblich-Affektiven. Oderbolz gelingt es, nicht nur Raum zu besetzen, sondern ihn auch temporär einzufangen und zugleich die potenzielle Ausdehnung der Situation, ihrer Zeit und Räumlichkeit, anklingen zu lassen.

Bis: 06.11.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Bruno Jakob, Edit Oderbolz [31.08.16-06.11.16]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Institutionen Kunstverein Nürnberg [Nürnberg/Deutschland]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Edit Oderbolz
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