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Hinweis
10.2016




Genf : Nous pourrions danser ensemble


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Miranda Pennell · Human Radio, 2002, Super-16-mm-Film, übertragen auf Video, Stereo, 9', Still
rechts: Julien Amouroux · Alias Le Gentil Garçon, Ausstellungsansicht Le Commun, Genf, 2016


Der Fond municipal d'art contemporain/FMAC stupft regelmässig Kurator/innen an, die über 4400 Werke seiner Sammlung sowie auch die rund 2000 Filme und Videos aus dem Fonds André Iten/FAI neu auszuloten. Beide Bestände setzen sich dabei nicht nur aus Werken Genfer Kunstschaffender zusammen. Sie umfassen vielmehr auch Positionen von internationalen Persönlichkeiten, die in der Stadt lehrten, ausstellten oder an Festivals teilnahmen, so bspw. im Rahmen der von André Iten gegründeten Biennale de l'image en mouvement.
Seit letztem Jahr arbeitet nun ein Team mit dem FMAC und dem FAI, das sich aus dem französischen Mulitmediakünstler Julien Amouroux alias Le Gentil Garçon und den in Nantes bzw. in Genf wirkenden Kuratorinnen Patricia Buck und Carole Rigaut zusammensetzt. Nach einem Gastspiel unter dem Titel ‹Tout ce qui se fait sous le soleil› im ‹lieu unique› in Nantes 2015 kommt nun auch Genfer Publikum im ‹Le Commun› in den Genuss ihres mehr von Emotionen als intellektuellen Konstruktionen geleiteten Ausstellungsansatzes. Auch diesmal bildete schlicht und einfach ein Werk den Ausgangspunkt, das alle drei spontan bezauberte und aufrüttelte, nämlich ‹Human Radio›, 2002, der englischen Tonbildkünstlerin Miranda Pennell. Darin sehen wir zuerst einer Handvoll Individuen zu, welche die Künstlerin über eine Suchanzeige nach «living-room-dancers» ausfindig machte. In der letzten Szene finden wir sie wieder, zwar in einem schicken Theater versammelt, aber, von Walkmans animiert, immer noch in ihre einsame Musik- und Tanzwelt versunken.
Wie von selbst sind Amouroux, Buck und Rigaut so zu einer Ausstellung gelangt, die sich ebenso auf der magischen Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit wie derjenigen zwischen wachen und trunkenen Bewusstseinszuständen bewegt. Von Aufnahmen Balthasar Burkhards von einem Slum und Georg Aernis von einem Sozialbau führt sie etwa zu einer Installation von Zeichnungen Marc Baurs, die immer wieder das gleiche, von persönlichem Andenken aufgeladene Interieur zeigen. Charles Webers Genfer Lehrlingsporträts von 1995 wiederum erzählen von den gemischten Gefühlen, welche die Integration in Wirtschaft und Gesellschaft auslöst, während Thomas Perrodins künstlerische Konzertplakate oder Frédéric Posts abgegossene Ecstasypillen mehr von unserer Suche nach transzendenten Erfahrungen künden. Vor Olivier Mossets ‹Eclipse totale de la lune›, 1996, wischt Urs Lüthi in einem ‹Small Monument›, 2011, zuletzt vielleicht auf, was von den Utopien eines bedeutsamen Lebens und Zusammenlebens noch übrig geblieben ist.

Bis: 02.10.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Nous pourrions danser ensemble [27.08.16-02.10.16]
Institutionen BAC Le Commun [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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