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Hinweis
10.2016




Winterthur : Matt Mullican


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Matt Mullican · Untitled, (History over Opera House Surrounded by Signs and Flags), 1987 Acrylfarben und Oelstift auf Leinwand, 8 Teile, H: 487.5, B: 487.5 cm Kunstmuseum Winterthur. Foto: Phlipp Hitz, SIK
rechts: Matt Mullican · Anatomy, 1991, Grauguss, 3/3, 6 Teile, H: 30.5, B: 135, T: 60 cm Kunstmuseum Winterthur. Foto: Philipp Hitz


Wer davon ausgeht, das Universum von Matt Mullican (*1951, Santa Monica, CA) sei rein konzeptuell, sollte seine Ausstellung in Winterthur besuchen: Der Titel ‹Nothing Should Exist› formuliert tatsächlich eine umfassende Skepsis gegenüber jeder Möglichkeit der Repräsentation. Die Realität der Dinge löst sich auf in eine Fülle subjektiver Vorstellungen und Lichtmuster seines fingierten Alter Ego ‹Glen› oder ‹That Person›. Zugleich bedarf diese Fiktion aber auch unendlich vieler bildhafter und plastischer Formulierungen, sie steht unter ständigem Wiederholungsdruck, so dass sich sagen liesse: ‹Many Things May Exist›, um diesen Zweifel immer wieder wachzuhalten.
Die in Mullicans Kosmologien klar ­codierten Farben, Figuren und Zeichen werden in verschiedensten Materialien und Medien stets anders konjugiert und deklamiert, bis sich die Unterscheidung zwischen Skizze, Modell und der sinnlich berauschenden Fülle der gesamten Choreografie in einem Raum verliert. Die Ausstellung schafft den Fiktionen auf Zeit ihre eigene Gegenwart. Besonders wichtig werden neben vielen diagrammartigen Zeichnungen und Sammlungen von Objekten oder Bildern diejenigen Elemente, die das Zeichen ganz materiell oder virtuell als eine Ableitung zeigen: Abgüsse und digitale Animationen legen Spuren auf frei Imaginiertes und streng Gedachtes. Sie sind zwei- oder dreidimensionale Bilder in zweiter oder dritter Potenz der Entfernung von einer objektiven «Realität».
In Verbindung mit dieser Ausstellung hat das Kunstmuseum Winterthur einen umfassenden Katalog zu den rund 500 ‹Rubbings› zwischen 1984 und 2016 publiziert. Die analoge Technik des Abriebs, die schon im Surrealismus als Frottage oder Grattage praktiziert wurde, entspricht in besonderem Mass Mullicans Anspruch an fortgesetzte Ableitungen. Ausgeführt mit Ölkreidestift auf grundierter Leinwand, finden sich in der Schau mehrere grossformatige Rubbing-Paneele, unter anderen mit den zentralen Begriffen ‹Frame›, ‹Subject› und ‹World› mit den für sie spezifischen Farben Gelb, Rot und Blau. Gekerbt in Granit, geätzt in Glas, erscheinen daneben die Zeichen­repertoires für weitere Abriebe wie ein eigenes Objekt. Matt Mullicans Ausstellung ist ein Begleit­ereignis von Manifesta 11: Die Kollaboration eines Künstlers mit seinem Alter Ego setzt weit grössere Energien frei als alles, was für Geld zu haben ist.

Bis: 16.10.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Matt Mullican [12.06.16-16.10.16]
Institutionen Kunstmuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Matt Mullican
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