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10.2016




Zürich : Warren Neidich


von: Philipp Spillmann

  
Warren Neidich · Infinite Spectres and the Anarchy of Time plus 1, Ausstellungsansicht Barbara Seiler Zürich, August 2016


Der US-Amerikaner Warren Neidich (*1958, New York) kreiert ästhetische Phantome. Angelehnt an die kalifornische Bewegung ‹Light And Space› der Sechziger- und Siebzigerjahre, zeigt er in der Galerie Barbara Seiler drei Arbeiten, in denen er phantomhafte Effekte als Bedeutungsträger einsetzt. Die erste begegnet einem noch vor Betreten des eigentlichen Ausstellungsraums. Drei Siebdrucke im Mittelformat hängen nebeneinander an der Wand, dazu links von jeder ein roter Neonschriftzug. Die Siebdrucke zeigen in realistischer Manier weisse Sterne auf schwarzem Asphalt, dem ‹Walk of Fame› Hollywoods nachempfunden. Die roten Leuchtbuchstaben formen drei Namen: Bertold Brecht, Hans Eisler, Lion Feuchtwanger - drei europäische Kriegsflüchtlinge, die in den Fünfzigerjahren in ihrem Zufluchtsland USA vom «House Un-American Activities Committee» als mögliche kommunistische Gefahr aufgelistet worden waren. Daneben hängt eine Handlungsanweisung. Sie befiehlt, die Leuchtröhren mit den Augen zu fixieren und anschliessend vor den Bildern serienweise zu blinzeln. In einer Art Strobo-Flashback projiziert das Auge die mutmasslichen Bedrohungen auf die Hollywood-Symbole. Der Betrachter wird zum Beamer, der gleichzeitig Zuschauer seines eigenen Kulturkonflikt-Kinos ist. Im Hauptraum teilen sich eine Gemäldeserie, die «Void Paintings», und eine zweiteilige Spiegel­installation die Aufmerksamkeit. Während die Installation das Gefäss für eine bevorstehende Performance liefert, sind die «Void Paintings» ganz akut durch das, was ihnen fehlt, definiert: Es handelt sich um verschiedene Öl- und Acrylgemälde im Grossformat, die meist monochrome Kreise zeigen, in deren Mitte ein kleinerer Kreis ausgeschnitten ist. Das Loch legt den Blick auf das mit schwarzem Filz ausgekleidete Bildinnere frei. Die Löcher wirken plastisch und farblich satter als die sie umrahmende bemalte Leinwand. Das Hinter-der-Bildfläche wird zur Bildoberfläche, das Innere des Gemäldes zum Inneren der Bildfläche. Erst diese Leere vervollständigt das Bild: ein visueller Gravitationsschwerpunkt, der den Blick auf sich zieht, die umgebende Farbe zu sich hinabsaugt und beinahe zum Rand werden lässt. Symbolisch werden die konzentrischen Kreise zum verdoppelten künstlichen Augapfel. So erinnern sie daran, dass auch Pupillen schwarze Löcher sind, die Licht schlucken und ihrem Träger die Möglichkeit geben, die umgebende Welt zu ordnen, zu verwandeln und in ihren Bann zu ziehen.

Bis: 08.10.2016



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Ausgabe 10  2016
Ausstellungen Warren Neidich [27.08.16-08.10.16]
Institutionen Barbara Seiler [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Warren Neidich
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