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Editorial
11.2016




Editorial - Ein Punkt im Universum


  
TITELBILD · Vanessa Billy · Living Memory, 2016 (Detail), Courtesy BolteLang, Zürich; Limoncello, ­London. Foto: Gunnar Meier


In die Arme schliessen lässt sich dieses Baby nicht. Es bleibt auf Distanz. Dennoch rückt es immer näher, so nahe, bis unser Blick im Dunkel des Nabels versinkt - und dann wächst es uns aus einem hellen Fleck erneut entgegen. «Wir sind ein Punkt im Universum, aber dies ist nur unsere eigene Optik, der wir nicht entrinnen können.» Die Künstlerin Vanessa Billy fasst das pulsierende Geschehen in einfache Worte. Zugleich lässt sie in ihren Werken ein breites Spektrum an Gedanken aufblitzen und lenkt unseren Blick durch die Oberfläche der Haut direkt in die Zellen. Bis zum genetischen Code. Oder in galaktische Ferne.
Ihr Video ‹Living memory› geht uns physisch nahe. Gleichwohl strahlt es eine merkwürdige Kälte aus. Die Projektion läuft auf ­einem Plasma-Bildschirm, dem wir uns von der Rückseite her ­nähern und dessen Verschalung fehlt, so dass wir direkt auf Kabel und Schaltflächen blicken. Erkennbar ist das gefilmte Baby zunächst in dem gespiegelten Umriss auf der gegenüberliegenden Fensterscheibe. Und im hörbaren Atmen, einem rhythmischen Strömen, das wie Meeresrauschen die ganze Ausstellung durchzieht.
Atmen ist Leben, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Wir diffundieren Luftsauerstoff durch die Lungen in den Blutkreislauf bis in die Zellen und stossen ihn in Form von Kohlendioxid wieder aus. Wir generieren Energie und verbrauchen Energie, eigene und fremde. Die Frage, wie wir mit verfügbaren Ressourcen umgehen, stellt sich ein Leben lang. Auch wenn die ökologische Verantwortung für das, was wir der nächsten Generation überlassen, sich der im Eingangsraum auf dem Bauch balancierenden schwangeren Frau mit Blick auf die Erde sicher besonders unausweichlich ins Bewusstsein drängt.



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Ausgabe 11  2016
Autor/in Claudia Jolles
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