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Fokus
11.2016


 Im letzten Raum des labyrinthischen Luzerner Kunstmuseums hat Georg Keller seine Ausstellung eingerichtet. Dem aus Zug stammenden Künstler wurde der Manor-Preis Zentralschweiz zugesprochen und mit dem Preisgeld hat er sechs ganz neue Arbeiten hergestellt. Museal, mit Werkcharakter kommen sie daher - eher ungewohnt für den sonst häufig mit performativen Einlagen seine Bauten erweiternden ­Künstler.


Georg Keller – Primitive Ökonomien Im letzten Raum.....


von: Brita Polzer

  
links: Firmengeschichten Doppelabend, 2011, FabrikTheater Rote Fabrik Zwei Unternehmensberater versuchen, sich mit Optimierungsmodellen zu überbieten. Der eine ist ein Profi und in einem Bürotisch untergebracht, der andere ein gelernter Kunsthistoriker, sein Arbeitsplatz ist ein Sockel. Gearbeitet wird mit Modellen in Form von Bauklötzen, womit sich Umstrukturierungen und Fusionen nachvollziehen lassen. Die Arbeitsleistung wird durch eine Spiegelwand verdoppelt
rechts: Yams House, 2016, Holz, Gips, Farbe. Installation Kunstmuseum Luzern. Foto: Marc Latzel Der Yams ist ein der Süsskartoffel ähnliches Gemüse und auf den Trobriand-Inseln Grundnahrungsmittel, Tauschwährung und Zentrum verschiedener Rituale. Die Yams-Ernte wird im sog. Yams-Haus eingelagert. Nur der Häuptling des Dorfes hat das Recht, Yams dem Haus zu entnehmen. Er ist aber gleichzeitig für das Wohlergehen des Stammes verantwortlich und verpflichtet, für ihn zu sorgen.


Das Vermögen der Kunst, Komplexes in Bilder zu fassen, das habe ihn zur Kunst gebracht, sagt Georg Keller. In seinen Arbeiten verhandelt er ökonomische Prozesse und wie diese unser Leben und die Umwelt verändern. Häufig baut er eher steril wirkende Strukturen, eine Art Gerüste oder Kulissen, in die er performativ-theatrale Handlungen einschreibt. Die Körper - häufig engagiert er Schauspieler/innen, lässt aber auch einen ukrainischen Schwarzarbeiter agieren - müssen darin herumklettern, sich teilweise klein machen, sich bücken. Sie werden in Systeme hineinformatiert, passen sich an und bringen zugleich absurde Momente ein, wodurch die Strukturen fragwürdig und neu gesehen werden. Der Begriff der Performance wird dabei im englischen Sinn als Leistung - und damit auch als Druck und normierender Gradmesser für grösseren oder kleineren Wert und Gewinn verstanden - zugleich als künstlerisches Handeln, als kreativer Akt. In dieser Spanne sind Kellers Arbeiten zu verstehen, sie führen eine Beengung, eine Formierung vor Augen, zugleich wird diese aneignend und übersetzt in Frage gestellt. Dabei spricht Keller gern von «Hüllen», die er für seine Ideen baut, und schlägt den Bogen zu Warenhäusern, die ebenfalls Hüllen seien, ebenso wie Unternehmen, vor allem die Schein-­Unternehmen, wie sie in Zug, seinem Geburtsort, in Fülle zu finden sind. Als Schein-Unternehmen bezeichnet er auch seine eigenen Aktivitäten. 2006 hat er die GKU, die Georg Keller Unternehmungen gegründet, sie bilden so etwas wie ein Dach, unter dem ganz Heterogenes stattfinden kann.

Die Ausstellung
Ökonomen und Politiker inspirieren den Künstler: Charles Fourier, Maynard Keynes oder David Stockman beispielsweise. In der Luzerner Ausstellung unter dem Titel ‹Primitive Economies› sind es ein Soziologe und ein Sozialanthropologe, die er als vor allem ideengebend nennt: Marcel Mauss (1872-1950) mit seinem Buch ‹Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften› und Bronisław Malinowski (1884-1942) mit den ‹Argonauten des westlichen Pazifik›. Mauss kritisierte die zunehmende Mechanisierung und Kapitalisierung in westlichen Gesellschaften und untersuchte, wie frühe Kulturen über die «Gabe» und deren Erwiderung - er nannte es «Schenkökonomie» - andere Formen des Zusammenlebens entwickelten. Malinowski beschäftigte sich anlässlich eines langen Aufenthalts auf den abgelegenen Trobriand-Inseln ausführlich mit dem rituellen Kula-Tausch. Gehandelt und getauscht wurde in den frühen Kulturen mittels geldähnlicher, aber viel weniger abstrakter Währungen, u.a. wurden nicht mehr zu gebrauchende Waffen oder Geräte eingesetzt oder aus seltenen Materialien wie Kaurischnecken oder Salzbarren aufwändig hergestellte Dinge. Wie sehr diese alten Währungen bis heute auch in unserer Kultur präsent sind, lässt sich am Begriff «Salär» ermessen, das vom lateinischen «salarium» abstammt.
In «Kula», 2016, versucht Keller, das rituelle Gabentausch-System durch die Integration von Bewegungselementen zu erfassen. Die weiteren Arbeiten kommen ohne performative Elemente aus. Ein Yams-Haus, wie es auf den Trobriand-Inseln in ­Papua-Neuguinea erstellt wurde, eine japanische Kura oder ein Tauschzelt der Chukchi wurden nachempfunden und nachgebaut - wobei die frühen Gehäuse mit zeitgenössischen Materialien und/oder Zeichen ergänzt sind, um sie ins Jetzt zu überführen. Von jeher habe er grosse Freude am Häuserbauen gehabt, sagt Keller, und viele der hier zur Sprache kommenden Rituale hätten sich an einem Haus, einem Sammlungsort, gleichsam dem Kern für die daraus hervorgehende Handlung manifestiert.
Im ‹Yams House› der matrilinearen, die freie Liebe praktizierenden Kultur der Trobriand-Inseln wurden Yamswurzeln in Lagerhäusern aufgeschichtet, die als eine Art Bank im Zentrum des Dorfes standen. Nicht durch stählerne Wände und Panzertüren waren die gelagerten Schätze hier geschützt, sondern durch Transparenz und Offenheit. Malinowski kam zum Schluss, soziale Systeme des Gebens und Nehmens setzten die Erwerbssucht ausser Kraft. Von einer «vorkapitalistischen Freundschafts-Ökonomie» wird gesprochen. Mittlerweile allerdings, so die Kunstkritikerin Sabine Vogel nach einem längeren Besuch auf den «glücklichen Inseln», habe längst die «Cash-Ökonomie» das Paradies der Tauschwirtschaft überholt, und gerade die Trobriand-Insulaner mit ihrem Vertrauen auf das gegenseitige Geben und Nehmen hätten sich gegenüber den Härten der Geldwirtschaft besonders wehrlos gezeigt.

Assoziative Wissenschaft
Bei aller Schönheit der in verschiedenen Materialien und grösstenteils vom Künstler selbst gebauten Gehäuse drängen sich Fragen auf: Werden die alten Systeme hier nicht allzu idealisiert und romantisch gesehen - in Bezug auf ihr soziales Funktionieren, aber auch auf die historische Entwicklung? In die Ausstellung sind zwei Vitrinen mit verschiedenen frühen, vor allem aus dem Zürcher Money Museum stammenden Zahlungsmitteln integriert und aus den Informationsblättern erfährt man, dass mit der Kolonisierung die Zerstörung vieler Tauschsysteme einherging, weil die Materialien, die für die Eingeborenen hohen Wert hatten, von den Eindringlingen mit Leichtigkeit in grossen Mengen gefischt (Kaurischnecken) oder viel effizienter produziert (westafrikanische Manillas) werden konnten, was zu Inflationen und dem Ende der Währungen führte. Darauf angesprochen antwortet Keller, seine GKU könne nur eines nach dem anderen machen, zudem betreibe er eine «assoziative Wissenschaft», die keine Vollständigkeit beanspruche. Demnächst sei er für eine Ausstellung im Kongo engagiert und dort beabsichtige er, das Thema des Kolonialismus einzubringen. In Luzern habe er Kritik an unserer Ökonomie formuliert, aber nicht als Provokation, eher sei es ihm um die Darstellung von etwas Abwesendem gegangen. Er habe andere Formen von Logik und von Handlung vorgestellt und sich dabei die Mythologie zunutze gemacht - getragen von einer Sehnsucht, nur das Positive zu sehen.
‹Die singende Metallplatte› spricht mich besonders an. Eine auf dem Boden stehende, an ein Puzzle oder ein Tangram erinnernde, goldig schimmernde Messingplatte besteht aus vom Material her gleichen, vom Format her ganz unterschiedlichen einzeln angefertigten Teilen. Jedes könnte für sich bestehen, zusammengefügt bilden sie ein Ganzes, das die Einzelteile birgt, ihnen einen bestimmten Platz zuweist und sie bedeutend macht. An der Wand hängt eine Decke aus Jute, welche die Linien und Flächen der Platte wiederholt und nach aussen fortführt, womit sie die Konzentration, die Kraft des Plattengefüges gleichsam weitersendet. Inspiriert wurde Keller hier von Ritualen der Kwakiutl-Indianer im Norden der Vancouver-Insel - und es ist ihm wunderbar gelungen, das Verhältnis von Individuum und Gruppe, Einzelnem und übergeordneter Struktur in einer ganz eigenen Formfindung zu fassen.

Eine Gabe von Manor

Was heisst es für Künstler/innen, eine «Gabe», nicht von Stadt, Kanton oder Land, sondern von einem grossen Privatunternehmen zu empfangen? Welche Beziehung entwickelt sich, fühlen sich die Kunstschaffenden nun speziell verbunden, vielleicht verpflichtet? Roland Roos hat 2014 anlässlich seiner mit dem Manor-Preis verbundenen Ausstellung in Luzern eine Gegengabe gereicht und sich derart gleichsam auf Augenhöhe seines Donators gestellt - und auch Keller möchte die Gabe nicht unerwidert lassen. Richtete Roos im Kunstmuseum eine von sechs Personen betriebene Produktion für ein Kleinkinder-Büchlein ein, das anschliessend bei Manor verkauft wurde - widmet sich Keller dem Unternehmen, indem er in der Ausstellung dem Warenhaus Manor andere Handelsformen zeigt und in der zum Preis gehörenden Publikation ein Firmenporträt der Luzerner Filiale erstellt. Mit jeder für einen speziellen Bereich zuständigen Person hat der Künstler ein Interview geführt, womit er - so Keller - Transparenz und subjektive Stimmen in den anonymen Betrieb einbringe, was dem Unternehmen, in Zeiten zunehmender Digitalisierung, einen glaubwürdigeren, menschlicheren Auftritt verschaffe.

Bis: 27.11.2016


Gespräch mit Vanessa Billy und Georg Keller sowie Deborah Keller und Brita Polzer, Villa Bleuler ­Gespräche, eine Kooperation zwischen SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA, Zollikerstrasse 32, ­Zürich, 8.11., 18.00–19.30 Uhr, anschliessend Apéro

Georg Keller (*1981) lebt in Zürich und Warschau

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹High/Low Energy›, Manifesta Parallel Events, Kunsthaus Zürich
2012 ‹Trois scenes simultanément›, Rosa Brux, Brüssel, Belgien
2012 ‹Warenhaus›, akku, Emmenbrücke

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 ‹L'Hospice des Mille-Cuisses›, CAN, Neuchâtel, Schweiz
2013 ‹Learning from Warsaw›, ul. Marsyałkowska, Contemporary Art Center Zamek Ujazdowski, Warschau, Museum Bärengasse, Zürich
2013 ‹0 Performance - the fragile beauty of crisis›, 5th Moscow Biennale, Moskau
2013 ‹Working Voices›, Museo de Arte Contemporaeno, Bogota, Kolumbien



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Georg Keller [03.09.16-27.11.16]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Georg Keller
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