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Fokus
11.2016


 In der Kunst Halle Sankt Gallen zeigt Vanessa Billy in ihrer bisher umfangreichsten Einzelausstellung, wie sie ihre Untersuchungen am Material in den letzten Jahren inhaltlich verdichtet hat. ‹We Dissolve› verweist als Titel der Schau bereits auf eine Auseinandersetzung mit Existenziellem, und die ausgestellten Werke erweisen sich denn auch als eindringliche Reflexionen über den Menschen, seinen Umgang mit Materiellem und seine unausweichliche Vernetzung mit der Umwelt.


Vanessa Billy - Auflösung im Kreislauf


von: Deborah Keller

  
links: Stuck in Motion, 2016; Centuries, 2016; Dear Life, 2016, Ausstellungsansicht Kunst Halle Sankt Gallen, Courtesy BolteLang, Zürich; Limoncello, London. Foto: Gunnar Meier
rechts: End of Days, 2013, Glas, Schlamm, Wasser, gebrauchte Glühbirnen, 68,5x16x16 cm, Courtesy BolteLang, Zürich; Limoncello, London. Foto: Alexander Hana


Spärlich hat Vanessa Billy den ersten Raum ihrer aktuellen Ausstellung in St. Gallen bestückt, wohl wissend, dass zu viel der hier präsentierten Kost schwer verdaulich wäre: Wir begegnen zunächst dem weisslich porösen Abguss einer Schwangeren, die am Boden ausgestreckt auf ihrem prallen Bauch balanciert. Weiter hinten ist eine wabbelig-gelbe menschliche Körperhülle über einem gebrauchten Automotor zusammengesackt, leicht vibrierend, zuckend. Die drei Säulen im Saal sind von Reifenschläuchen gefasst, die schräg verkeilt in ungleicher Höhe am Fallen gehindert sind und so Stockung und Gefangenheit gleichermassen visualisieren. Und dann ist da noch das anfangs kaum wahrgenommene, vor der weissen Wand fast unsichtbare Fischernetz, in dem erst beim Nahetreten «Schwärme» von kleinen, gelblichen Tropfen erkennbar werden.

Lebensmotoren
Im nächsten Raum kommt man dem rauschenden Atmen auf die Spur, das als ominöser Tonteppich die ganze Schau durchdringt: Auf einem frei hängenden Flachbildschirm, dessen Rückverschalung entfernt und die Technik somit entblösst ist, erscheint im Loop aus dem schwarzen Nichts ein heller Punkt. Dieser vermeintliche Stern wächst an - begleitet vom schwellenden Atem und gespiegelt im vaselinebeschmierten Fenster - zum nackt sitzenden Baby, dessen Nabel im kontinuierlichen Zoom der Kamera zur Galaxie wird, bevor das Bild erneut schwarz wird. Spätestens angesichts dieses «Lebenszeitraffers» manifestiert sich der Gedanke, dass die freigelegten oder entsorgten «Eingeweide» der technischen Geräte sinnbildlich für unsere Lebensmotoren stehen.
Wenn im nächsten Raum ein Knäuel von Elektromüllkabeln in einer Metallwanne «gewässert» wird und gallertartige Abdrücke von kleinen Gegenständen und Lebewesen mit LED-Lämpchen «beatmet» werden, so festigt sich diese unheilvolle Ahnung. Zu guter Letzt läuft man am Ende des Rundgangs wieder gegen ein Fischernetz. In dieser zweiten Version haben sich die harzigen Tröpfchen zu tellergrossen, klebrig wirkenden Fladen verdichtet.

Dialoge unter Stofflichkeiten
Materialeigenschaften und das Spiel mit unseren Erwartungen an sie waren in der Kunst der gebürtigen Genferin Billy, die heute in Zürich lebt, stets zentral. ‹Wait, Sit, Converse›, 2009, ist eine ihrer bekanntesten, früheren Arbeiten, die diese Orientierung am Stofflichen verdeutlicht: Ein Stein, ein mit Wasser gefüllter Plastiksack und ein faustgrosser Zementklumpen «sitzen» eng aneinandergeschoben im Raum. Die Anordnung der ungefähr gleich grossen Objekte in Reih und Glied hat in Verbindung mit dem Titel eine humoristische Komponente und setzt schliesslich Überlegungen zu formgebenden und formverändernden Kräften in Gang. Stein wie auch Beton verdanken ihre Gestalt dem Wasser, das an ihnen als bindendes oder reibendes Mittel gewirkt hat. Gestützt von den beiden «Gefährten» tritt es in dieser Konstellation flüssig als fester Gegenstand auf.
In der poetisch betitelten Arbeit ‹Surfaces for the Mind to Rest or to Sink Into›, 2009, ist Altöl bereits Protagonist einer optisch verblüffenden Objektinstallation. Es schwimmt als dunkle Haut an der Oberfläche eines mit Wasser randvollen Acrylglaszylinders, während ein zweites, ebenso gefülltes Gefäss am Boden eine schwarze Fläche aus Druckertinte aufweist. Die scheinbar punktgespiegelten Körper setzen die Eigenschaften zweier heute unentbehrlicher Materialien in Szene, die mit unterschiedlichen Umweltproblematiken verbunden sind, und lassen das flüssige Medium Wasser fast magisch in Rohrform erscheinen. Schliesslich hat die Künstlerin Altöl 2011 auch malerisch eingesetzt in ihrer Serie ‹Oil Spill on Skin›. Die spezifische Eigenschaft des Öls, sich in Papier einzusaugen, sich dort auszudehnen und auszufransen, führte zu Bildkompositionen, die teilweise dem Zufall geschuldet sind. Sie erinnern an vergrösserte mikroskopische Aufnahmen von Zellen oder Kleinstorganismen und visualisieren mit ihren grossen, dunklen Flächen gleichzeitig den düsteren, bedrohlichen Aspekt des Themas Altöl.

Vom Material zum Abfall
Altöl ist ein sichtbarer Auswuchs unseres Energieverbrauchs, ein Thema, das ­Vanessa Billy zunehmend beschäftigte. Werke wie ‹End of Days› von 2013 markieren den Übergang zu diesem neuen Fokus, der sich in ihrem Schaffen mehr und mehr abzeichnete: In einer gläsernen, zylindrischen Vase, die zu drei Vierteln mit bräunlichem Wasser gefüllt ist, schwimmen Glühbirnen - «Erleuchtungen», in deren Widerschein einst der technische Fortschritt euphorisch gefeiert wurde und die heute zum Symbol für die ineffiziente Nutzung von Energiequellen geworden sind. Die Kombination mit dem getrübten Wasser erinnert an ein Reagenzglas, an ein gescheitertes Laborexperiment. 2015 tauchen dann gebrauchte Automotoren als künstlerisches Material bei Billy auf und ein Baby, das über ein Meer von leeren Produkteverpackungen krabbelt.
Die aktuelle Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen bietet jetzt einen Überblick darüber, wie die thematischen Ansätze sich im Werk von Billy in den letzten Jahren entwickelt haben. Ihre oft poetischen Untersuchungen von Stofflichkeit sind narrativer, metaphorisch expliziter und inhaltlich drängender geworden. Eindrücklich veranschaulicht die Künstlerin unter dem Ausstellungstitel ‹We Dissolve›, wie der moderne Mensch in der Gesetzmässigkeit von Leben und Tod ebenso gefangen ist wie im Kreislauf von Konsum und Abfall.
Deborah Keller ist Kunsthistorikerin in Zürich, tätig bei der Galerie Häusler Contemporary, freie Kunstkritikerin und Kuratorin der Kunsthalle Arbon. deborah.keller.1@gmail.com

Bis: 13.11.2016


Gespräch mit Vanessa Billy und Georg Keller sowie Deborah Keller und Brita Polzer, Villa Bleuler ­Gespräche, eine Kooperation zwischen SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA, Zollikerstrasse 32, ­Zürich, 8.11., 18.00-19.30 Uhr, anschliessend Apéro

Vanessa Billy (*1978, Genf), lebt in Zürich
1998 Foundation Course, Central Saint Martins College of Art and Design, London
2000 Exchange Semester, The Cooper Union School, New York
2001 Chelsea College of Art, London

Einzelausstellungen (Auswahl ab 2010)
2010 Limoncello, London
2011 unosolo project room, Milano; BolteLang, Zürich; Kunsthaus Baselland, Muttenz; Christina Wilson Gallery, Kopenhagen
2013 BolteLang, Zürich; Sommer & Kohl, Berlin; Piano Nobile, Genf
2014 Collective Gallery, Edinburgh; Kunsthalle Marcel Duchamp, Cully
2015 c-o-m-p-o-s-i-t-e, Brüssel; Limoncello, London
2016 BolteLang, Zürich



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Vanessa Billy [03.09.16-13.11.16]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Vanessa Billy
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