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Fokus
11.2016


 Seltsame Blüten wachsen aus dem Bassin hinter dem Oberen Belvedere in Wien. Im Rahmen seiner Präsentation ‹translocation - transformation› im K21-Haus hat Ai Weiwei Rettungswesten, die er auf der griechischen Insel Rhodos eingesammelt hat, zu überdimensionierten Seerosen drapiert.


Ansichten - F für Flucht, Fälschung, Freiheit oder Fuck


von: Roberta, De Righi

  
Ai Weiwei Studio · 1005 Schwimmwesten, PVC, Polyethylenschaum 4876,5x4700x7,5 cm. Foto: Belvedere, Wien


Stilisierte Lotusblüten in Orange, Rot und Blau schwimmen auf dem Wasser und formieren sich zu einem riesigen Buchstaben: «F» für Flucht, Fälschung, Freiheit oder Fuck - wie Ai Weiwei selbst die Interpretation anregte. Angesichts dieser Installa­tion, die vor der barocken Kulisse vor allem pittoresk aussieht, kann man den Gedanken kaum mehr abwehren, ob «gut» nicht doch das Gegenteil von «gut gemeint» ist. Und ob in grosser Geste gut gemeinte Kunst zynisch ist. Ja, es stellt sich die K-Frage schlechthin: Ist das Kunst? Sind die Blüten Propaganda - im Dienste der Humanität? Oder dienen sie nur mehr dem skrupellosen Selbstmarketing eines Global Artist? Ai arbeitet gerne in grossen Dimensionen an «Readymade»-Material; er recycelt seine Ideen und variiert sie für verschiedene Standorte. Auch für seine Retrospektive im venezianischen Palazzo Strozzi griff er das Thema «Flucht» auf und installierte an der Fassade 22 orangefarbene Rettungsboote, die aussehen wie Fensterlaibungen, Titel: ‹Reframe›. Als er 2009 an den Säulen des Münchner Hauses der Kunst 9000 Rucksäcke anbringen liess, die an den Tod von Tausenden von Kindern bei einem Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan erinnern sollten, die 2008 in schlecht gebauten Schulen ums Leben kamen, war das eine eindrucksvolle Mahnung im Monumentalformat. Aber es betraf nicht direkt uns: Europa.
Jetzt weist Ai, der Chinese in Berlin, auf eine europäische Tragödie hin: auf den täglichen Tod all jener Menschen, welche die Insel der Seligen nicht erreichen. Dafür hat er sich zu Beginn des Jahres selbst auf Lesbos begeben, um dort das viel gezeigte Foto des toten Jungen am Strand nachzustellen. Was ebenso geschmacklos wirkte, wie es effektvoll war. Die Rettungswesten wiederum hatte er zunächst in Berlin am Konzerthaus am Gendarmenmarkt für die Gala ‹Cinema for Peace› anbringen lassen. Doch in der Wiederholung des künstlerischen Prinzips schleift sich die Wirkung ab. Andererseits: Seine Bühne ist nun mal der öffentliche Raum. Viele sehen seine Arbeit zum ersten Mal. Und das, was als «Kunst» tituliert wird, ermöglicht es, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die in der Realität harter Stoff sind. ‹F› mag ein schwaches Kunstwerk sein, dessen behaupteter, schwer wiegender Inhalt im Widerspruch zu seiner dekorativen Gestalt steht. Aber - völlig losgelöst vom Künstler und der K-Frage - kann es ganz schlecht nicht sein. Weil es jeden, der seine Augen auch nur halb öffnet, zum Fragen anregt.
Roberta De Righi ist freie Kulturjournalistin in München. roberta.derighi@gmx.de


Bis: 22.01.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Garten Oberes Belvedere: Ai Weiwei [14.07.16-20.11.16]
Ausstellungen Ai Weiwei [23.09.16-22.01.17]
Institutionen 21er Haus [Wien/Österreich]
Institutionen Palazzo Strozzi [Florenz/Italien]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Ai Weiwei
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