Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
11.2016


Alice Henkes :  Das Centre Pasquart zeigt mit Susan Morris und Katie Paterson zwei britische Künstlerinnen, die sich in ihrem Schaffen auf unterschiedliche Art mit dem menschlichen Drang nach Wissen beschäftigen. Während Paterson sich im Universum umschaut, lenkt Morris den Blick auf den eigenen Körper.


Biel : Susan Morris/Katie Paterson - Was Menschen wissen können


  
links: Katie Paterson · Totality, 2016, Bedruckte Spiegelkugel, Motor, Lichter, 100 cm Ø
rechts: Susan Morris · SunDial:NightWatch_Light Exposure 2010-2012 (Tilburg Version), Detail), 2014, Baumwollgarn, Leinengarn, 155x360 cm


Die Naturwissenschaften, die einst antraten, die Welt zu erhellen und zu erklären und dabei mit dunklen, magischen Vorstellungen, die uns heute oft recht seltsam erscheinen, aufräumen wollten, sie sind nicht nur aufgrund der extremen Spezialisierung vieler Wissenschaftszweige längst selbst in den Bereich des Unerklärlichen abgedriftet. Vieles, was heute in Labors erforscht wird, ist für Laien kaum noch nachvollziehbar. Mit Alltagsverstand betrachtet, wirken ganze Forschungszweige fragwürdig. Die Frage, was Menschen wissen können und wozu wir dieses Wissen brauchen, steht wie eine Klammer über den sonst recht unterschiedlichen Ausstellungen von Susan Morris und Katie Paterson.
Die schottische Künstlerin Katie Paterson (*1981) beschäftigt sich mit unserer Vorstellung von Zeit und Universum. Um die Relativität des Zeitbegriffs geht es in der Arbeit ‹Timepieces (Solar System)›, 2014, für die Paterson neun Uhren nebeneinander aufgehängt hat. Die Uhren sind den Planeten unseres Sonnensystems zugeordnet und zeigen, dass die Zeit auf dem Jupiter schneller vergeht als auf dem Merkur. ­Visuell faszinierend ist ihre Installation ‹Totality›, 2016, in der Salle Poma, für die sie eine Discokugel geschaffen hat, die mit Bildern von Sonnenfinsternissen bestückt ist. Die Bilder des Dunklen werden zum Reflektor für helles Licht. Eine Spielerei um Standort und Wahrnehmung.
Susan Morris (*1962) persifliert in ihren Werken die grassierende Mode der Selbstkontrolle und Selbstoptimierung. Mit gängigen Zähl- und Trackingmethoden erfasst sie persönliche Daten. Anwesenheit im Atelier, nächtliche Schlaflosigkeit, Anfälle von Traurigkeit: Nichts ist zu persönlich, peinlich oder absurd, um nicht akribisch notiert zu werden. Doch sie notiert die Daten nicht nur, sie verarbeitet sie weiter. Beispielsweise indem sie einen Jacquard-Webstuhl mit ihren Wach- und Schlafphasen programmiert. So entstehen Werke wie der Wandteppich ‹SunDial: NightWatch_Activity and Light›, 2010-2012, die faszinierend aussehen und zugleich ein Gefühl von Ratlosigkeit erzeugen, denn was bitte sollen diese Webmuster uns sagen? Können sie überhaupt etwas aussagen? Oder löst sich die verwebte Datensammlung bei näherer Betrachtung in einen unnützen Wust aus Wolle und Zahlen auf? Morris reflektiert voller Ironie eine so datengläubige wie egozentrische Gesellschaft, die glaubt, alles, was messbar sei, müsse festgehalten und aller Welt mitgeteilt werden.

Bis: 20.11.2016



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Susan Morris, Katie Paterson [11.09.16-20.11.16]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Katie Paterson
Künstler/in Susan Morris
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=161025105401AMM-10
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.