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Besprechung
11.2016


Nicola Schröder :  Fallen für Tiere, die keine sind, ungewöhnliche Öffnungszeiten und eine Versuchsanordnung, die das Museum vermeintlich zum Schauplatz einer Jagd macht - mit Thomas Juliers Ausstellung ‹Hunter in the Void› zeigt das Kunsthaus Glarus erneut eine Herausforderung für Anhänger konzeptueller Kunst.


Glarus : Thomas Julier - Auf der Jagd nach Bedeutsamem


  
Thomas Julier · Hunter in the Void, 2016, Courtesy Galerie RaebervonStenglin, Zürich


Die Ausstellung ‹Hunter in the Void› ist ein theoretisches Konstrukt. Selbst entworfene Kamerafallen sollen für einmal die Tierwelt des Glarner Volksgartens ins Kunsthaus locken. Durch Öffnungen in den Fensterscheiben können kleinere Tiere ins Haus gelangen. Dort hat Thomas Julier (*1983, Brig), wie auch an verschiedenen Orten ausserhalb des Gebäudes, kleine runde Futterkugeln aus Keramik aufgehängt und jeweils mit Kamera und Bewegungssensor ausgestattet. Die Aufnahmen sind in einem der Räume als nebeneinander geschaltete Projektion zu sehen. Um dem Tagesrhythmus der Tiere gerecht zu werden, hat das Kunsthaus die Öffnungszeiten extra auf die Zeit der Dämmerung - jeweils zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach Sonnenuntergang angepasst. Doch entgegen dieser zunächst fast wissenschaftlich wirkenden Sorgfalt ist die Versuchsanordnung aufs Scheitern programmiert. Zu vieles spricht dafür, dass sich kein Tier in das Gebäude verirrt, und wäre es doch der Fall, würde die Bewegung der freischwingend aufgehängten Futterkugel die Aufnahme der Kamera unterbrechen. Ist man enttäuscht von der Erkenntnis? Erwartet man tatsächlich, hier Tiere zu ­sehen? Was bewirkt die Erfahrung, vom eigentlichen Beobachten ausgeschlossen und ins Leere gelenkt zu werden?
Allenfalls resultiert daraus eine Reflexion über die eigene Erwartung an einen Museumsbesuch, darüber, was man anzutreffen hofft und wie es aufbereitet sein sollte, über Funktion und Gestalt des Museums. Fotografien Juliers verweisen darauf, dass Museen Orte der Vorahnung, des gelenkten Blicks und der Kanonisierung sind. In diversen Museen in Italien hat er ungewöhnliche Blickachsen oder Details aufgenommen, Perspektiven, die einem Besucher auf der Jagd nach Bedeutsamem nicht ins Auge springen. Julier zielt auf den Aussenraum der Museen, auf unbemerkt abgestellte Kunstwerke oder Elemente der Gebäude selbst. In Glarus hat er die willkürlich wirkenden Aufnahmen wiederum vollkommen beiläufig im Museum verteilt, teils an Orten, an denen man keine Werke vermuten würde und sie deshalb nicht als solche erkennt. Den verbreiteten Wunsch nach Eindeutigkeit und die entsprechende Jagd danach verbildlicht er in der Videoarbeit ‹Caravaggio›. Darin zeigt er die Besucherinnen und Besucher einer italienischen Kirche mit ihren Handys oder Digital­kameras beim Einfangen «ihres» Caravaggio. Es sind symbolische Bilder für eine von Kanon und Medialität geprägte Kulturbeflissenheit.

Bis: 27.11.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Thomas Julier [04.09.16-27.11.16]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Nicola Schröder
Künstler/in Thomas Julier
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