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Besprechung
11.2016


Isabel Friedli :  Das Kunsthaus Langenthal widmet Rut Himmelsbach und dem Zwillingspaar Celia & Nathalie Sidler je eine Einzel­ausstellung. Himmelsbach und die Sidler-Schwestern leben in Basel. Wie sich Unbekanntes zu Vertrautem verhält, ist eine Frage, welche die konträren Werke eint.


Langenthal : Rut Himmelsbach und Celia & Nathalie Sidler - Un-Heimeliges


  
links: Rut Himmelsbach · Schutz und Macht, 2016, Mantel, vergoldete Offiziersknöpfe der Schweizer Armee, Sneakers, Papierschuhe, Bockleiter. Foto: Martina Flury-Witschi
rechts: Celia & Nathalie Sidler · Global Player, 2014, Butter, mit handgefertigtem Buttermodel geformt, mit invasivem Neophyten (Kanadische Goldrute) als Motiv, Glasplatte, Kühlschrank. Foto: Martina Flury-Witschi


Rut Himmelsbach (*1950) verhält sich wie ein Zugvogel. Nicht nur weil sie immer wieder für längere Zeit nach Guatemala fliegt, sondern weil sie die Grenzen zwischen Medien und Materialien mit beeindruckender Sicherheit überquert. Die Fotografie ist ihre konstante Begleiterin, andere Medien tauchen als variable Weggefährten auf. Wo andere in ihrer Umgebung Beiläufiges und Ungeformtes sehen, erkennt sie Bilder und figürliche Konstellationen; ihre assoziativ verketteten Fotoserien verleihen dem Nebeneinander von Alltagsaufnahmen einen narrativen Impuls. Zugleich gibt es Details, die sich von der inhaltlichen Stossrichtung lösen. Dies doppelte Gesicht zeigen die Installationen, die Ästhetik der Materialien, die verraten, wie sehr sie an der Paarung ungleicher Ebenen und Stoffe interessiert ist, und die Tiefe der Bedeutung, die unter der Oberfläche der rafinierten Materialkombinationen lauert. Wobei alle Eindrücke, wie im Wall Piece ‹Ikarus›, 1989/1991, zu einem stimmigen Ganzen zusammenfinden. Der Titel verleiht dem engelhaften Gebilde die Ahnung eines Sturzes nach dem Flug in zu grosser Höhe, aber auch die Vorstellung einer herabstürzenden Bombe. Für die Ausstellung hat die Künstlerin neue Werke geschaffen, bspw. ‹Schutz und Macht›, 2016, das wie ein allegorisches Ensemble wirkt mit einem Mantel und Schuhen, die sich anstelle von Menschen zueinander verhalten.
Die Kunst der seit 2003 zusammen arbeitenden Cecilia und Nathalie Sidler (*1983) ist teil- und manchmal essbar, verlangt oft sogar ganz handfeste Partizipation. In einem Kühlschrank, einer Dark Box in der Mitte eines Raums im oberen Stockwerk des Kunsthauses, lagert ein stattlicher Klotz Butter wie ein Goldbarren im Tresor. In einem Land, in dem Milch und Honig fliessen, steht Butter als Inbegriff für Wohlstand und Überfluss. Anstatt der Enzianblüte ist ihr aber das Modell eines Neophyten aufgedrückt, einer fremden Pflanze, die hier Fuss fassen und vielleicht einheimische Gewächse verdrängen könnte. Eine sich in drei Räumen auf dem Boden ausdehnende Installation besteht aus der Aneinanderreihung von Handschalen, die auf dem Wochenmarkt in Langenthal von Marktbesucher/innen aus Ton hergestellt wurden. Jedes dieser archaisch anmutenden Gefässe trägt die Spur des Menschen in sich, der es geformt hat. Es gibt glatte Oberflächen oder schnell geknetete Gebilde: Der Abdruck des Eindrucks, der eine kurze Begegnung hinterlässt.

Bis: 13.11.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Rut Himmelsbach, Nathalie Sidler, Celia Sidler [01.09.16-13.11.16]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Rut Himmelsbach
Künstler/in Celia Sidler
Künstler/in Nathalie Sidler
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