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Besprechung
11.2016


Michael Sutter :  Das Kunstmuseum Thun zeigt in seinen Räumlichkeiten eine Gruppenausstellung mit internationalen Kunstschaffenden, die Naturprozessen und den diese antreibenden energetischen Kräften eine Darstellungsform geben. Bei einigen Werken spielt der menschliche Umgang mit der Natur eine zentrale Rolle.


Thun : Die Kräfte hinter den Formen - Naturprozesse im Fokus


  
Ilana Halperin (oben); Olafur Eliasson, Giuseppe Penone, Reto Steiner (unten) · Die Kräfte hinter den ­Formen, Ausstellungsansichten Kunstmuseum Thun, 2016. Fotos: Christian Helmle


Der prägnante Ausstellungstitel ‹Die Kräfte hinter den Formen› stammt aus der Feder des dänischen Künstlers und promovierten Geologen Per Kirkeby (*1938) und hinterfragt das Verhältnis von Natur und Künstlichkeit im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunstproduktion. Die international besetzte Gruppenausstellung thematisiert den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und deren Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde. Zwölf Künstlerinnen und Künstler richten ihren subjektiven Blickwinkel auf strukturelle Naturprozesse und nutzen für ihre Untersuchungen (pseudo-)wissenschaftliche Strategien.
Auffallend oft kommt die Thematik der künstlichen Beschleunigung von Naturprozessen vor: Die Amerikanerin Ilana Halperin (*1973) präsentiert korallenartige Kalksteinablagerungen, die innert weniger Monate unter Beihilfe eines zweihundert Jahre ­alten chemischen Verfahrens in vulkanischen und thermomineralischen Höhlen gereift sind. Damit konfrontiert sie die Erdgeschichte mit dem menschlichen Zeithorizont in einer sich stetig wandelnden Welt. Auch der Waadtländer Künstler Julian Charrière (*1987) thematisiert auf ironisch-absurde Weise die vom Menschen forcierte Künstlichkeit und die Folgen unseres Umgangs mit der Natur. So in den grossformatigen Fotografien, die zeigen, wie er auf einem Eisberg steht und mit einem mobilen Gasbrenner das Eis unter seinen Füssen zum Schmelzen bringt. Mit Darstellungen von Landschaftsstrukturen beschäftigen sich die bekannteren Künstler Jonathan Bragdon (*1944), Per Kirkeby (*1938) und Olafur Eliasson (*1967). Während der Amerikaner Bragdon seit Jahren den Wandel der Schweizer Alpen in akribisch-filigranen Panoramazeichnungen festhält, unternahm Kirkeby bereits in den Fünfzigerjahren ausgedehnte Arktis-Expeditionen. Diese regten ihn zu seriellen Kaltnadelradierungen an, die durch mehrschichtige Überlagerung von flüchtigen Strichen, Kratzern und Rillen geprägt sind. Der Isländer Eliasson verwendet fotografische Luftaufnahmen seines Heimatlands und übersetzt sie in kontrastreiche Schwarz-Weiss-Heliogravüren. Die Landschaften - geformt durch Erosion und Geothermik - wirken wie ästhetisierte Abstraktionen einer evolutionären Natur. Die bereits in Krefeld und Innsbruck gezeigte Ausstellung bietet in den historischen Räumlichkeiten des Kunstmuseums Thun mit Ausblick auf die ­alpine Kulisse vielschichtige Denkanstösse zu einer hochaktuellen Naturthematik mit Wissenschaftsbezügen.

Bis: 20.11.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Die Kräfte hinter den Formen [27.08.16-20.11.16]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Michael Sutter
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