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Besprechung
11.2016


Aoife Rosenmeyer :  Der Franzose Bertrand Lavier erhält im Kunstmuseum Liechtenstein seinen bisher grössten Solo-Auftritt. In vier thematischen Gruppierungen - er nennt sie «Baustellen» - geben seine Arbeiten wie auseinandernehmbare Matrjoschka-Puppen Schicht um Schicht eine Fülle an künstlerischen Referenzen frei.


Vaduz : Bertrand Lavier - Übermalen und umdeuten


  
links: Bertrand Lavier · Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, 2016, ©ProLitteris. Foto: Ines Agostinelli
rechts: Bertrand Lavier · Vénus d'Amiens, 2015, Courtesy Almine Rech Gallery ©ProLitteris. Foto: Rebecca Fanuele


Als ich zum ersten Mal einer Skulptur von Bertrand Lavier (1949, Châtillon-sur-Seine) begegnete, reagierte ich empört. Die dicht aufgetragene, klebrige Farbe verschleierte ein Hochglanzobjekt - einen roten Ferrari - und schien eine Orgie des Exzesses zu erzeugen. Jetzt, in Liechtenstein, fasst der erste Ausstellungsraum mehr als zehn solche bemalten Stücke, vom winzigen Fotoapparat ‹Zenit›, 1983, über den grandiosen Konzertflügel ‹Steinway›, 2016, zur grossen übermalten Leinwand von François Morrellet ‹Lavier / Morellet›, 1975-1995. Lavier behandelt jedes Element gleich, egal, ob es ein Massenprodukt oder ein handgefertigtes Einzelstück ist. Er bemalt es mit einer Acrylschicht im originalen Farbton, doch im gestischen «Pinselstrich Van Gogh» und versucht gleichzeitig, dessen ursprüngliche Funktion nicht zu behindern. Man merkt die Wertschätzung für seine Materialien. So dokumentiert die frühe Schwarzweissfotografie ‹Premiers travaux de peinture›, 1969, eine mit Scheinreben (Ampelopsis) bewachsene Wand, bei der er einige Blätter weiss übermalt hat. In dieser Zeit ist der ausgebildete Gartenarchitekt Künstler geworden.
Lavier liess sich von französischer Nachkriegskunst, amerikanischer Pop-Art und vor allem von Duchamp inspirieren. Doch schnell entwickelte er eine eigene haptische Form von Pop-Art. Der zweite Teil der Schau konfrontiert Werke, die mit Dimensionen spielen wie ‹Socle de peinture rouge›, 1986, mit einem Block aus massiver Acrylfarbe. Bei der nächsten «Baustelle» treffen wir auf Skulpturen mit gleichwertigen Sockeln, so ‹5/9›, 1985, wo die horizontalen Streifen eines Metallfasses auf eine vertikale Gipskolumne treffen. Lavier konfrontiert gerne Namen und Formen, so in ‹La Bocca/Bosch›, 2005: Die gigantischen Lippen des La-Bocca-Sofas ruhen auf einer nach dem fantastischen Maler benannten Tiefkühltruhe. In der letzten Gruppierung umkreist er den Bedeutungswandel, den die materielle Übertragung von einer Objektgattung zur anderen mit sich bringt. So in der ‹Venus d'Amiens›, 2015, der lebensgrossen Ver­sion aus Gips einer kleinen, weiblichen, mehr als 23'000 Jahre alten Figur. Wenn er die Kunst des ­Paläolithikums in eine Beziehung zur traditionellen klassischen Skulptur setzt und diese in einen zeitgenössischen Kontext stellt, wird die Weite seines Horizonts deutlich. Man könnte Lavier als Post-Pop-Künstler bezeichnen - seine Arbeit gelingt am besten, wenn er sich auf die Wiedergabe von Bildern und Ideen konzentriert und nicht zu stark an ihre technische Reproduzierbarkeit denkt.

Bis: 22.01.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Bertrand Lavier [23.09.16-22.01.17]
Institutionen Kunstmuseum Liechtenstein [Vaduz/Liechtenstein]
Autor/in Aoife Rosenmeyer
Künstler/in Bertrand Lavier
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