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Besprechung
11.2016


Sabine Rusterholz Petko :  Die Romantik war die Antwort der Kunst auf die Industrialisierung. Heute, im Zeitalter des Anthropozän, taugt die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Natur schon lange nicht mehr. Welche Antworten gibt die Kunst dazu? Ein Workshop und eine Ausstellung im Engadin leuchten die Frage aus.


Zuoz : The Culture of Nature - Künstlerische Einmischungen


  
links: Maria Loboda · Ah, Wilderness, 2010-2014, Kunstverein Braunschweig 2014, Courtesy Maisterraval­buena, Madrid
rechts: George Steinmann · Gletscher Blues, 2015 ©ProLitteris. Foto: Tabea Reusser


‹Ah, Wilderness!›, Maria Lobodas Werk aus herabhängenden Pinien-, Fichten-, Zedern-, Buchen-, Eichen- und Erlenästen - von Bäumen, die sich in freier Natur gegenseitig verdrängen, in zivilisiertem Nebeneinander in der Kunst jedoch koexistieren - berichtet von einer Sehnsucht nach authentischer Naturerfahrung, die sich jedoch als Illusion erweist. Die romantische Rückkehr zur Natur ist angesichts von Artensterben und Klimawandel keine Option mehr. Auch im schönen Engadin nicht, wo im Hotel Castell in Zuoz Ende September ein Weekend unter dem Motto ‹The Culture of Nature› stattfand, orchestriert von Alexandra Blättler und Ruedi Bechtler. Die Kuratorin und der Künstler/Hotelinhaber luden hierzu vier Kunstschaffende ein: ­neben Maria Loboda auch Mark Dion, Dana Sherwood und George Steinmann.
Dana Sherwood dokumentiert lebende Wildtiere mit der Infrarotkamera und lockt sie mit den Verheissungen der Zivilisation. Geködert etwa mit Zuckertorten, demonstriert sie metaphorisch den Auszug aus dem Paradies. Mark Dion ist bekannt für seine quasi-wissenschaftlichen Sammlungen, die sich mit den Wunderkammern der Renaissance und den Kollektionen der Naturforscher des 19. Jahrhunderts messen. Aktuell beschäftigt er sich mit Quallen, die in Ozeanen rund um die Erde heute zu den Nutzniessern des Klimawandels gehören. Der künstlerische Blick aufs Detail entlarvt hier die grösseren Zusammenhänge von globaler Erwärmung, Verschmutzung und Überfischung der Meere. George Steinmann greift noch direkter politisch ein. Das Video ‹Gletscher Blues› entstand im Kontext der Klimakonferenz COP21 in Paris. In einer Weltgemeinschaft, in der die Auswirkungen des Klimawandels teils noch geleugnet werden, galt diese künstlerisch-diplomatische Arbeit als eine unzulässige Stellungnahme im politischen Kontext der Konferenz. Seit 28 Jahren arbeitet Steinmann im Unterengadin an einer Sammlung von geologischen Naturmateria­lien, Quellsubstanzen und Pflanzenextrakten. ‹The World and the Mind›, installiert in Flaschen und Einmachgläsern auf einem Tisch, wirkt fast wie eine konservierende Gendatenbank für die Zukunft der Natur vor Ort. Das Archiv zeigt viel Liebe zum Detail und Respekt und offenbart vielleicht eine Alternative zur Logik der Ausbeutung. Künstlerische Fragestellungen zum Verhältnis von Mensch und (überstrapazierter) Natur sind drängender denn je. Steinmanns Arbeit ist anlässlich der Wiedereröffnung des Zentrums für Gegenwartskunst Nairs zu sehen.

Bis: 15.01.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Castell Art Weekend [23.09.16-25.09.16]
Ausstellungen Spot On 1 - Vom Schatten ins Licht [27.08.16-15.01.17]
Institutionen Hotel Castell [Zuoz/Schweiz]
Institutionen NAIRS Zentrum für Gegenwartskunst [Scuol-Nairs/Schweiz]
Autor/in Sabine Rusterholz Petko
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