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Besprechung
11.2016


Hans Rudolf Reust :  Juliette Blightmans Ausstellung in der Kunsthalle Bern überrascht: Hinter der Reduktion auf einige Zeichnungen und grossformatige Malereien, plastische und filmische Elemente verbirgt sich eine Fülle feiner, intimer Anspielungen, die uns einspinnen und forttragen wie ein Bewusstseinsstrom.


Bern : Juliette Blightman - Instagrammatologie


  
links: Juliette Blightman · Coma (B and K sleeping), 2016, Gouache auf Papier, 50x70 cm
rechts: Juliette Blightman · Installationsansicht Kunsthalle Bern, 2016


Das Eingeständnis, dass auch das Private politisch sein kann, war in den Siebzigerjahren ein bedeutender Schritt der Emanzipation. Niemand konnte damals ahnen, dass sich die Unterscheidung von Intimität und Öffentlichkeit so rasch und fast vollständig verflüchtigen würde. Nun haben die mobilen Netzplattformen eine Unzahl von hybriden Genres hervorgebracht, die Theatralik im Intimsten provozieren. Instagram soll 500 Millionen Nutzerinnen und Nutzer haben, die täglich 60 Millionen neue Bildbeiträge generieren, auf deren Basis kommerzielle Profile nach individuellen Vorlieben erstellt werden.
Vor diesem Hintergrund arbeitet die in Berlin lebende Engländerin Juliette Blightman (*1980). ‹Extimacy›, ihr Titel über den sieben Situationen in den sieben Räumen der Kunsthalle, verbindet durch einen Neologismus das Intime mit Extrovertiertheit. Kleine, unspektakuläre Beobachtungen aus dem Familienleben mit der Tochter, aus unterschiedlichen Winkeln erhascht, skizzierte Details aus dem Interieur, Pflanzen, ein aufgeklappter Laptop oder eher traumartig collagierte Erinnerungsfetzen verbinden sich mit dreidimensionalen, staffageartigen Elementen.
Wir navigieren zwischen verschiedensten Stimuli, die uns in ihrer flüchtigen, nicht selten auch ungelenken Formulierung rasch ansprechen, doch gleich wieder weiter treiben in den nächsten Kosmos im Kleinsten, Unscheinbarsten. «Einzelausstellung» ist in diesem Fall ein seltsames Wort. Vieles aus vielen Quellen interagiert. Und doch fasziniert die scharfe Dramaturgie der Zuspiele zwischen den einzelnen, klar konzipierten Räumen wie innerhalb der zwei Wände mit Clouds von Zeichnungen, Fotos und Collagen.
Die grosse Bühne im grossen Saal gilt den Geschlechtern und dem Geschlechts-akt. Rund und floral, in raschen schwarzen Strichen skizzenhaft auf grosse ungrundierte Leinwände gemalt, fällt der Blick über einen nackten Bauch und die Beine, Zooms zeigen Glied und Hoden mit derselben entspannten Selbstverständlichkeit, mit der schon die antiken Statuen das Intime der Öffentlichkeit präsentierten. Die mächtigen Rahmen stehen hier in einem Halbrund wie Bühnenprospekte frei im Raum, gestützt nur von hinten durch Stapel von Harassen mit Bier in braunen Glasflaschen mit Porzellanverschluss. So dringt das Licht auch von hinten durch die Leinwand und zeichnet den Raster der Rahmung aus. Die Unmittelbarkeit des Blicks und der Malerei bricht sich in der Inszenierung. Der Bezug zum Körper ist auch in den anderen Sälen allgegenwärtig, in expliziten Darstellungen wie in den Spuren des Körpers auf Kissen und Laken, in den versteckten Blicken auf Frauen von hinten oder über die Schulter. Die Zeichnungen und Malereien nach Fotografien erinnern dabei an die extremen Perspektiven, die eher filmischen Ausschnitte in den gemalten Stills von Eberhard Havekost, wenn er sich seiner häuslichen Umgebung zuwendet.
Blightman begann ihre künstlerische Praxis unter anderem mit Performances, die stark von den momentanen Gegebenheiten vor Ort ausgingen, von Gegenständen, vom Licht, von den Tagesroutinen naher Menschen. Die direkte Beziehung zum Publikum wird inzwischen transformiert durch die vermittelten Intimitäten ihrer persönlichen Seiten auf Instagram. In dieser Ausstellung schliesslich erinnert die Live-Präsenz von Zimmerpflanzen an die vorübergehende Abwesenheit von Menschen, während wir, die Besucherinnen und Besucher, unmittelbar einbezogen werden in einen «Livestream of Consciousness»: Eine vorgesetzte Wand mit eingebautem Zimmerfenster öffnet sich auf die Architektur des Hauses. Sie bricht jede Illusion von Bildern als Fenster der Wirklichkeit. Zugleich spielt dieser Einbau auf eine Wirklichkeit an, wie sie uns nach dem Erwachen vertraut ist. «and it looks like / it should be feeling good / and it looks / it should be feeling good» steht daneben in verschiedenen Gelb-, Rot- und Weisstönen gemalt auf schwarzem Grund. Die leichte semantische Verschiebung in der Wiederholung schafft ein Moment der Ungewissheit, wie es letztlich die ganze Ausstellung durchzieht. Auch in diesem Raum wirkt die Topfpflanze auf einmal wie eine 3D-Zeichnung. Sie bezeichnet den Raum, zeichnet im und mit dem Raum.
Sigrid Weigel hat 2015 eine umfassende Studie zur ‹Grammatologie der Bilder› veröffentlicht. Darin folgt sie den Spuren des Vor-Bildhaften, des noch Unsichtbaren zum Bild. Sie untersucht die «Verbildlichung leiblicher Phänomene» und die «Verkörperung immaterieller Vorstellungen». Die «Bildgebung» versteht sie als einen komplexen, aber unumkehrbaren Prozess der Formwerdung nach «spezifischen Referenz- und Deutungskonzepten». Bei Blightman hingegen erscheint jedes Bild und jeder Raum als ein instabiler Ort der Ausdifferenzierung, der Auflösung und der Wiederverdichtung von Vorstellungen in einem neuen Kontext. So dreht sich, im weiten Feld eines Kunstrasens, eine kleine Elfenpuppe auf dem Rücken eines muskelbepackten Puppenpferdes als scharf ausgezeichnete Schattengestalt in einer Projek­tion sich überlagernder Nachbilder.

Bis: 13.11.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Juliette Blightman [24.09.16-13.11.16]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Juliette Blightman
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