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Besprechung
11.2016


Alice Henkes :  In grossformatigen Bildern verhandelt der Tessiner Künstler ­Cesare Lucchini existenzielle Fragen. Auf aktuelles Zeitgeschehen verweisend, sind seine Arbeiten tiefgründig, zugleich zeigen sie einen Hauch südlicher Lebensfreude. Das Kunstmuseum Bern widmet ihm eine grosse Übersichtsschau.


Bern : Cesare Lucchini - Was bleibt


  
Cesare Lucchini · Quel che rimane - Lampedusa (Was bleibt - Lampedusa), 2010, Öl auf Leinwand, 284x250,5 cm


Die Motive Cesare Lucchinis (*1941) wirken wie in einem Nebel gefangen. Mal lässt sich ein Bein, ein Boot, ein Helikopter ausmachen oder ein zum Schrei geöffneter Vogelschnabel. Die Bildtitel verweisen auf die Kriege und Katastrophen, welche die Medien füllen. Doch in den Gemälden lässt sich vieles eher erahnen als erkennen. Die Welt, wie der Tessiner Künstler sie auf seinen grossformatigen Leinwänden darstellt, erscheint rätselhaft und bedrohlich, unverständlich in ihrer Grausamkeit. Und doch findet sich in den meisten Bildern hinter allen Menschentrümmerbergen und Dunkelheiten ein kleines Licht, ein sonniger Berggrat, ein Streifen blauer Himmel. Lucchini hat in Mailand studiert und lange in Düsseldorf und Köln gelebt. Er ist von der lateinischen Bildkultur ebenso geprägt wie von den Neuen Wilden. In seinem Werk verbinden sich Tiefgründigkeit und eine lebensbejahende Grundhaltung.
Das Kunstmuseum Bern widmet dem Maler eine grosse Übersichtsausstellung, die in raschen Schritten durch die Sechziger- bis in die Achtzigerjahre führt und dann in mehreren grossen Sälen das gegenwärtige Schaffen Lucchinis ausbreitet. Dabei lohnt sich ein gründlicher Blick auf die älteren Werke, denn dort liegt ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis seines aktuellen Schaffens. So finden sich im Frühwerk Hommagen an andere Künstler und Darstellungen des eigenen Ateliers, Auseinandersetzungen also mit der Kunst und ihren spezifischen Möglichkeiten, Welt zu zeigen. Diese Hinterfragung, was Kunst vermitteln, was Kunst sagen kann, setzt sich bis in die Gegenwart fort. Durch in die Bilder eingezeichnete Rahmen und Punktraster erinnert er daran, dass das Bild einer eigenen Ordnung gehorcht und nicht Abbild des Wirklichen sein kann. Der aufmerksame Zeitungsleser und Chronist Luccini versucht auch keineswegs, Ereignisse abzubilden. Seine Bilder sind eher Reflexionen über Angst und Trauer, über seine Emotionen angesichts von Flüchtlingselend und Ölpest. Zwischen Abstraktion und Figuration findet er eine Bildsprache, die Geist und Gefühl zugleich anspricht. Etwa in dem grossartigen Bild ‹Was bleibt - Lampedusa›, 2010, das eine Szenerie zeigt, die Böcklins berühmter ‹Toteninsel› ähnelt. Im Vordergrund ein Boot, das sich von einer kleinen Insel entfernt, die sich als Ansammlung von Körperteilen erweist. Eine einsame Figur steht auf der Insel und schaut dem Boot nach. In hellen Farben gestaltet Lucchini die Szenerie wie hinter Schleiern: Die Welt lässt sich vielleicht erkennen, verstehen kann man sie kaum.

Bis: 08.01.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Was bleibt. Die Welt des Cesare Lucchini [23.09.16-08.01.17]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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