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11.2016




La Chaux-de-Fonds : PAN


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Lionel Sabatté · Pan, 2016, Ausstellungs­ansicht PAN, Quartier Général, La Chaux-de-Fonds. Foto: QG
rechts: Florence Aellen · La mort du grand pan, 2016, Ausstellungsansicht ‹PAN›, Quartier Général, La Chaux-de-Fonds. Foto: QG


Plutarch hat in seiner Abhandlung ‹Über das Verschwinden der Orakel› von einem in der Zeit des Kaisers Tiberius (14-37 n. Chr.) entstandenen Gerücht erzählt, nach welchem der «grosse Pan» zum Sterben verdammt sei. Gerade dadurch ist der Gott der Hirten und der Herden mit Menschenleib und Bocksfüssen jedoch in der Religion, die ihn später ebenso mit dem Retter wie mit dem Teufel in Verbindung brachte, wie auch in der Kunst lebendig geblieben. Heute wird er sogar von der ökologischen Bewegung als Gallionsfigur ins Feld geführt. So derb wie in Denis Roueches (*1987) Post-Pop-Art-Performances, die seine aktuelle Schau im Quartier Général eröffneten, zeigte Pan seinen verlockenden und zugleich in Panik versetzenden Charakter aber vielleicht noch nie: Da boten nämlich leicht bekleidete Playboys und Playmates mit Löffeln auf dem Kopf und Blumen auf dem Po den Besucher/innen des in eine Kunsthalle verwandelten Schlachthofs die leckersten Häppchen an, während sie von einem Heckenschütze in Strumpfmaske von den Schienen unter der Decke aus, an denen früher die Tierleiber abgehängt wurden, unerbittlich ins Visier genommen wurden. Eine Rache Pans für die mediokratische Instrumentalisierung der uns nach wie vor treibenden und hemmenden Energien, mit denen er traditionell assoziiert wurde?
Wie es bereits der Kies suggeriert, auf dem wir uns bei der Besichtigung der Werke bewegen, bewegen wir uns auf wackeligem Boden mit der Frage, was wir für Geschöpfe sind und was uns untereinander wie auch mit anderen Lebewesen verbindet. Um Denis Ruoeches, der hier nochmals mit einem Dynamitbouquet aus Baumstämmen ‹BOUM!› und einer Wurst in Menschengrösse ‹PAF!› zuschlägt, sind insgesamt neun weitere Kunstschaffende aus dem frankophonen Raum versammelt, die einen zum Glück aber nicht mehr derart aufreiben. Die Mehrzahl von ihnen tritt eher mit von der äusseren Erscheinung Pans angeregten Hybridisierungen auf die gegenwärtige Brisanz unserer Identitätskrise zwischen intellektueller Omnipotenz und elementarer Vitalität ein. Am eindrücklichsten wirken die Arbeiten, in denen das, was Mensch und Natur verbindet, die Kraft und die Macht eines echten Wesens zurückerhält. So der mit seinem Pferdeleib mehr an einen Kentauren mahnenden Pan von Lionel Sabatté (*1981) aus Armierungseisen, Zement und Kurkuma, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht aufbäumt. Oder das archimboldesk arrangierte Skelett in der auf einer Grabplatte präsentierten Bleistiftzeichnung von Florence Aellens (*1980), in dem Pan allerdings nur mehr aus dem Grab zu uns spricht.

Bis: 27.11.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen PAN [19.08.16-27.11.16]
Institutionen Quartier Général [La Chaux-de-Fonds/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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