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11.2016




Paris : Mark Geffriaud


von: J. Emil Sennewald

  
Mark Geffriaud · Deux mille quinze, le plateau, 2016. Foto: Martin Argyroglo


Es gibt ihn noch, den «french touch» in der zeitgenössischen Kunst: Spärlich platzierte, sinnlich wenig ansprechende Bilder oder Objekte, die sich nach intensiver Saalzettellektüre als sinntragend erweisen. Die raumgreifende Installation von Mark Geffriaud (*1977, Vitry-sur-Seine) in Le Plateau verwandelt den Raum in einen begehbaren Film. Dort, wo es sonst in die Ausstellungen geht, versperrt eine Projektions-Leinwand Blick und Weg. Darauf nur zwei schwarze Kreise. Hinter dem zweiten Eingang, von Aussen, summt und weht es. Eine ruhige Stimme sagt in Französisch: «Die Aymara haben die Vergangenheit vor sich und in ihrem Rücken breitet sich die Zukunft aus», dann spricht sie über Landschaft, Steine, Teleskope. An den Wänden sind zeitversetzt sechs aufeinander abgestimmte Filme zu sehen: Steine, Wüste, mechanische Apparate, Landschaft. Ein winziges Messing-Objekt an der Wand hat kreisrunde Einkerbungen. Weiter hinten fermentiert Bier in einem Edelstahlbehälter, pulst durch Schläuche im ganzen Kunstzentrum. Am Eingang stehen zwei schwarze emaillierte Tongefässe in geometrischer Form. Hinter der Leinwand am Empfang erweisen sich die schwarzen Kreise als Löcher, die Neuankömmlinge unbemerkt erspähen lassen. ‹Deux mille quinze› drängt zum Blick in den Begleittext. Verweigern wir ihn, stellen sich Assoziationen ein: Vergehende Zeit, in Steinen verkörpert, im Blick ins All sichtbar gemacht, im Prozess der Fermentation organisch geworden. Lyrisch komponierte Bilder, wie eine visuelle Poetik des Anthropozän. Der viel diskutierte spekulative Realismus kommt in den Sinn. Diese philosophische Gruppenarbeit, die Welt denken will, ohne sie um das denkende Subjekt zu bauen. Einer ihrer bekanntesten Protagonisten, Quentin Meillassoux, versucht das mit dem Begriff des «Arché-fossil» zu fassen. Begegnet in einem Objekt, das existierte, lange bevor es Menschen gab, eine Zeit ohne Menschen? Geffriaud lädt im Halbdunkel des Plateau in einen cinematografischen Schwebezustand ein, der Raum, Zeit und Erzählung zu einem eigenen Gefüge verknüpft - Ausstellungszeit. Mit ihr läuft die prosaische Zeit der Kunstwelt: "Bit", das kleine Messingobjekt, war bereits in der Ausstellung Geffriauds 2015 (deux-mille-quinze) in seiner Pariser Galerie gb agency zu sehen, die Filme werden ab 14.10. im Witte de With in Rotterdam gezeigt.

Bis: 11.12.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Mark Geffriaud [22.09.16-11.12.16]
Institutionen Le Plateau [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Mark Geffriaud
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