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11.2016




Paris : !Mediengruppe Bitnik


von: J. Emil Sennewald

  
!Mediengruppe Bitnik · Ashley Madison Angels from Paris, 2016, Ausstellungsansicht CCSP, 2016. Foto: Marc Domage


Jusqu'ici tout va bien - Bis hierhin geht's noch gut. Und dann? Was kommt zum Beispiel nach Post-Internet? Die marktlinienförmige Anverwandlung an den Galerieraum konnte computergenerierte Kunst aus dem Ghetto befreien. Darüber, vom Mainstream als Kunst wahrgenommen zu werden, ging oft das politisch-investigative Engagement verloren. Heute, da Internet nicht vorbei, sondern, wie es Hito Steyerl treffend formulierte, «all over» ist, finden Künstler/innen ästhetisch-engagierte Wege. Mit Sinnenerlebnis ködern sie User-Konsumenten, zeigen, was allgegenwärtige Netztechnologien, was Big-Data-Euphorie und Utopien artifizieller Intelligenz verstecken: Digital Labor, den Wandel vom Individuum zum Profil, den Selbstbetrug der Fortschrittsgläubigen. Begehren, Hauptvektor auch der Datenökonomien, nutzt die !Mediengruppe Bitnik, wie sich Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo nennen, im Pariser Centre Culturel Suisse als Aufklärungswerkzeug. Hacker legten 2015 Namen, sexuelle Vorlieben, Kreditkartendaten von über 32 Millionen Usern des Onlineportals zur Vermittlung von Sexualpartnern für Seitensprünge, Ashley Madison, offen. Schnell wurde klar, dass nicht etwa lüsterne Hausfrauen die Fantasien ihres Bildschirmpartners anheizen, sondern sogenannte Fembots, programmierte Fakeprofile. «Es ist erstaunlich, wie einfach der Algorithmus ist», erklärt Domagoj Smoljo, während der weiche, magentafarbene Teppichboden - Coporate Color von Ashley Madison und zufällig auch des CCSP - unter basslastigem Sound vibriert. «Die Bots reagieren einfach auf bestimmte Verhaltensmuster ihres Chatpartners. Das reicht, damit er glaubt, sein Traumpartner rede mit ihm.» Die 66 maskierten weiblichen Avatare, die das Publikum von auf Kleiderständer-ähnlichen Chromgestellen montierten Bildschirmen ansehen, entsprechen in Paris lokalisierten Ashley-Madison-Fembots. Dass Liebeslust Maschinen Leben einhaucht, wusste schon E.T.A. Hoffmann, der 1816 in seiner Erzählung ‹Der Sandmann› einen romantischen Dichter einer mechanischen Puppe verfallen lässt. Augen, Blick und Stimme waren entscheidende Faktoren. Sie sind es heute noch. Mit ihnen schreitet Bitnik die Grenze zwischen Bot und Mensch ab. «Wir verstehen uns als Konzeptkünstler, die Internet als Material verwenden, so wie es Fluxus vielleicht getan hätte», erklärt Carmen Weisskopf. Das Politische schwinge mit: «Wir holen das Publikum ab, wo es ist, führen es zwischen Realraum und Internetraum.» Und verführen es - gerade die physische Erfahrung der Pariser Installation zeigt, was alle Techno-Träume brauchen: den Körper, seine Lüste.

Bis: 04.12.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen !Mediengruppe Bitnik [23.09.16-11.12.16]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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