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11.2016




Villingen-Schwenningen : Desperate Housewives?


von: Feli Schindler

  
links: Alice Musiol · o.T., V 2011, Toastbrot, Steck­nadeln ©ProLitteris
rechts: Maria Ezcurra · The perfect Housewife's Warde­robe, Serie, C-Print, 2008


Fakt ist: 1971 erhielten die Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht und erst seit 1977 darf die deutsche Frau ohne Genehmigung des Ehemanns einen Beruf ausüben. Ob nun in Zeiten von Fulltime-Vätern, gleichgeschlechtlichen Ehen und weiblichen Bilderbuchkarrieren eine Ausstellung über verzweifelte Hausfrauen opportun ist, mag man(n) sich fragen. Sie ist. Denn, Hand aufs Herz: Wer kümmert sich heute immer noch mehrheitlich um die Kleinen, die Alten, den Einkauf, den Wohnungsputz, den Haushalt? «Housekeeping is like a video - as soon as you finish, it begins again», sagt Ori Levin. Die junge Performerin aus Tel Aviv ist eine der rund dreis­sig internationalen Künstlerinnen, die in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen unter dem Titel ‹Desperate Housewives? Künstlerinnen räumen auf› das Haushalten zu Kunst erheben. Auf acht Videoscreens müht sich Levin denn auch in Endlosschlaufen urkomisch ab: Sie schlüpft hinter den Herd, um Wasser aufzusetzen, buckelt eine Glasplatte, um als Salontisch zu fungieren, und wischt Staub, um sich als Tapete getarnt in der Wand zu verlieren. Camouflage vom Feinsten und ohne Zweifel der Publikumsrenner der Wanderausstellung.
Kunst zum Schmunzeln mit kleinen Widerhaken servieren die beiden Kuratorinnen Ina Ewers-Schultz und Martina Padberg zuhauf: Einfamilienhäuschen-Horror aus Toastschnitten von Alice Musiol, eine riesige Röstiraffel als Paravent von Mona Hatoum und eine starre Hampelfrau mit Tamponschnürchen von Pipilotti Rist federn mit Humor existenzielle Nöte ab. Offenkundig wird es, wenn Maria Ezcurra der Hausfrau eine Schürze umbindet, die dem Herrn Gemahl als Bügelunterlage dient. Radikaler bringt es Rosemarie Trockel rüber: Sie lässt gleich die Küche explodieren. Schliesslich erfährt die Textilkunst in den aus Putztüchern gefertigten Designerkleidchen der Zürcherin Jutta Burkhardt oder in Astrid Bartels geometrisch gehäkelten Topflappen ‹Mother's little Helper› ein wunderbares Revival. Letztere übrigens in Anspielung an den Valium-Abusus amerikanischer Hausfrauen im gleichnamigen Song der Rolling Stones und gecovert für die TV-Serie ‹Desperate Housewives›. Kitchenqueens aus Putzmittelflaschen, «getürkte» Frauen im Hidschab sowie Porzellanmädchen aus Tassen und bonbonfarbigem Silikon ergänzen die gewitzte Schau. Künstlerinnen räumen auf - mit Vorurteilen und Opferrollen. Porentief subversiv.

Bis: 04.12.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Desperate Housewives? [11.09.16-04.12.16]
Institutionen Städtische Galerie [Villingen-Schwenningen/Deutschland]
Autor/in Feli Schindler
Link http://www.villingen-schwenningen.de/kultur
Link http://www.timbayern.de
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