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11.2016




Winterthur : Thomas Kern


von: J. Emil Sennewald

  
links: Thomas Kern · Rue des Remparts, Port-au-Prince, 1997, Schwarz-Weiss-Inkjet-Print ©ProLitteris
rechts: Thomas Kern · Plaine-du-Nord, 2008, Schwarz-Weiss-Inkjet-Print ©ProLitteris


‹Die endlose Befreiung› heisst die Ausstellung in der Fotostiftung über das Langzeitprojekt des Schweizer Fotografen ­Thomas Kern. Sie zeigt den schrillen Alltag mit all seinen fremden Erscheinungen im karibischen Tropenstaat Haiti.
Der Herausforderung, nicht dem optischen Klischee bunter Exotik unter dem gleissendem Licht der Karibik zu erliegen, hat sich der Schweizer Fotograf Thomas Kern (*1965) erfolgreich gestellt. Trotz permanenter Überforderung der Sinne konzentriert Kern sein Augenmerk auf eine echte Begegnung mit einem Land, das seit Jahrzehnten angesichts politischer Wirren ohne Ende und wirtschaftlicher Dauerkrisen im Chaos zu versinken droht.
Einzig mit dem Roman ‹The Comedians› des Kriegskorrespondeten und Schriftstellers Graham Greene in der Tasche, reist Kern im Auftrag des ‹Du› 1997 zum ersten Mal nach Haiti. Frühere Reportage-Erfahrungen über die Auswirkungen von Krieg und Konflikten - etwa in Nordirland oder dem ehemaligen Jugoslawien - veranlassten ihn, sein Fotomaterial auf das Wesentlichste zu beschränken: eine doppeläugige analoge Mittelformatkamera ohne Zoom, die den Fotografen zwingt, sich nah an das Objekt hinzubewegen. Diese Art des Fotografierens impliziert Bewegungsunschärfen und Bildüberlagerungen: Nur so funktioniert nach Kern Sehen und Wahrnehmen, das bedeutet, sich einzulassen auf das Gegenüber, um ein Bild aus der Begegnung heraus entstehen zu lassen. Die quadratische Form der schwarz-weissen Abzüge gibt den Bildfolgen Struktur und Übersichtlichkeit.
Immer wieder besuchte Kern im Lauf der letzten Jahre die ehemals französische Kolonie. Distanz wahren und gleichzeitig die Freundschaft mit den Menschen pflegen: Der Fotograf übersetzt für uns eine fremde Welt, die auf dem Kopf zu stehen scheint, in seine ­eigene, «lesbare» Bildsprache. Die Überlagerung verschiedenster Extremzustände vom Drama und der Freude des Lebens machen die Bilder lebendig. Wie in Trance wird alles dargestellt: Arbeit, Tanz, Komik, bittere Armut, paradiesische Gärten, Ruinen, Strassen, Voodoo-Glaube und Tod.
‹Tout bouge autour de moi›: Zwischen der Wucht der Bilder sind Zitate verschiedener Stimmen aus und über Haiti platziert. Wem dies alles zu viel wird, kann zu Hause die Reisenotizen des Fotografen zu diesem verrückten Land nochmals in Ruhe durchgehen.

Bis: 29.01.2017



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Thomas Kern [17.09.16-29.01.17]
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Institutionen Fotostiftung Schweiz [Winterthur/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Thomas Kern
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