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Hinweis
11.2016




Winterthur : Jungjin Lee


von: Yvonne Ziegler

  
links: Jungjin Lee · aus Wind, 2007
rechts: Jungjin Lee · aus American Desert II, 1994


Mit Fotografie verbindet man Massenware. Ein Klick und viele Abzüge desselben Negativs bzw. derselben Datei. Dabei bieten fotografische Aufnahmeverfahren durchaus die Möglichkeit, Unikate zu schaffen. Im Fotomuseum Winterthur begegnet man Unikaten analoger Fotografien der koreanischen Künstlerin Jungjin Lee (*1961, Korea), die unmittelbar als solche zu erkennen sind. Es sind fragile, handwerklich geschaffene Objekte aus feinstem Reispapier, mit gestisch aufgetragener Fotoemulsion auf festerem Trägerpapier ungerahmt vor die Wand platziert. Lee wendet seit zwanzig Jahren das Liquid-Light-Verfahren an, trägt mit dem Pinsel unterhalb des eingespannten Negativs flüssige lichtempfindliche Emulsion auf handgeschöpftes koreanisches Reispapier. Dabei verzieht sich das Papier, Fehler und Ungenauigkeitenergeben sich, Spuren des Entstehungsprozesses sind zu sehen. Ein singulärer Abzug eines Negativs entsteht. Dass jeder Abzug ein eigenes Bild ist, hebt die unter anderem in Kalligrafie und Hakeme-Keramik ausgebildete Künstlerin mit einer kleinen Serie hervor, bei der drei verschiedene Abzüge des gleichen Negativs untereinander auf einem Papierträger angebracht sind. «Für Ewigkeit stehend», sagt die Künstlerin. An kaum sichtbare Veränderungen von aufeinanderfolgenden Filmbildern auf einer Rolle kann man ebenfalls denken. Da ragt der Rücken eines Wals aus dem Wasser, da sind Holzpfähle unter einem Steg zu sehen. Lees Werke sind zumeist menschenleer, lediglich Spuren zeugen von ihnen: ein verwischtes Fensterkreuz, eine stehengebliebene Uhr. Auf blassem gelbem, orange oder grünem Papier lässt sie Felsen, Kakteen oder Berge der amerikanischen Wüste erscheinen: erhaben und ausgebleicht, das Bewusstsein ansprechend, dass Fotografie immer einen bereits vergangenen Moment einfängt. Die Fragilität des Materials, die blassen Farben und die verwischenden Pinselstriche verleihen dem vergehenden Moment dauerhafte Präsenz. Lees Fotografien füllen sich durch Leere. Ein Bogen gestempelter Briefmarken vergeht von sattem Braun zu weisser Leere, auf vergangene, mögliche oder verlorene Briefe verweisend. Von 2003 bis 2007 entstand eine Serie durch Meditationsübungen. Einfache Dinge wie eine Keramikschale oder eine Schachtel füllen ein grosses ansonsten leeres Blatt mit gegenständlicher Gegenwart. Darüber hinaus vermag es die Künstlerin, so leise Phänomene wie den Wind sphärisch festzuhalten.

Bis: 29.01.2016



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Ausgabe 11  2016
Ausstellungen Jungjin Lee [17.09.16-29.01.17]
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Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Jungjin Lee
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