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Fokus
12.2016


 ‹White Frame› - Im Dienste des bewegten Bildes Das Medium Video gilt als anspruchsvoll, schwierig zu zeigen, zu vermitteln und zu verkaufen. Chantal Molleur, Initiantin und Leiterin des Non-Profit-Vereins ‹White Frame›, arbeitet als Wegbereiterin und Vermittlerin des bewegten Bildes - zwischen Künstler/innen, Publikum und Kunstinstitutionen.


‹White Frame› - Im Dienste des bewegten Bildes


von: Isabel Fluri

  
links: Judith Albert · Beyond the Horizon, 2013, Still, Ein-Kanal-Video, International Festival of Films on Art, Montreal, aus ‹Les mousquetaires de l'invisible›, Swiss Special Focus, 2014 ©ProLitteris
rechts: The Nightlight Screenings, Garten Christoph Merian-Stiftung, Basel. Foto: Daniel Spehr


Das Medium Video ist gleichzeitig überholt und aktuell. In Ausstellungen bildender Kunst begegnen wir dem - der Einfachheit halber ungenau als Video bezeichneten - bewegten Bild oft als Einzelwerk im Kontext medial ganz unterschiedlicher Werke. Dabei geht leicht vergessen, wie kurz doch das Leben dieses Mediums erst ist, wie schnell es veraltet und auch wie abhängig vom Vorführkontext es ist.
Trotz der Selbstverständlichkeit, mit der das Medium Video also mittlerweile in Ausstellungen präsent ist, bleibt sein Auftritt eine anspruchsvolle Angelegenheit: Die Bedingungen der Sichtbarkeit sind in gewisser Weise komplexer als bei einem Gemälde, einer Skulptur oder einer Zeichnung, bei denen teilweise schon wenig Wand- oder Bodenfläche und etwas Tageslicht ausreichen, um sie angemessen wahrzunehmen. Dagegen bedarf das bewegte Bild - Video und Film - spezifischer Gerätschaften, um dem «Bildträger» zur Sichtbarkeit zu verhelfen. Insbesondere Elektrizität ist hier notwendige Ressource  - ohne sie fristen die empfindlichen Werke wortwörtlich ein Schattendasein.

Offenheit und Hybridität
‹White Frame› nennt sich eine Initiative, die sich seit 2011 insbesondere für nicht einfach zu vermittelnde, speziell auch auf dem Kunstmarkt nach wie vor eher untervertretene Bildformen wie Video engagiert. Chantal Molleur (*1969, Montréal, Kanada), Leiterin und (gemeinsam mit der Filmproduzentin Stella Händler und dem Kurator Pierre-André Lienhard) Mitbegründerin von ‹White Frame›, ist eine profunde Kennerin und leidenschaftliche Fürsprecherin der Videokunst in und über die Schweiz hinaus. Seit gut einer Dekade zunächst in Luzern und dann in Basel lebend, hat sich die gebürtige Québéquoise seit mittlerweile zweieinhalb Jahrzehnten bereits mit Kunst und Vermittlung und namentlich mit dem Medium Video auseinandergesetzt. Ihr Wissen hat sie in der Schweiz unter anderem während eines mehrjährigen Mandats für die Vertriebsplattform videoart.ch der Firma Videocompany und seit 2007 auch als Filmpromoterin an der Hochschule Luzern - Design & Kunst/HSLU eingebracht. Molleur versteht sich als «Kuratorin-Produzentin-Promoterin» im Feld der Media Arts - und damit im engeren Sinn als Agentin der (flüchtigen) Kunst. Besonders am Herzen liegt ihr das Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern im sogenannten Mid-Career-Stadium. Dieser spezifische Fokus mag mit Molleurs eigenem Alter zu erklären sein, aber vor allem erklärtermassen mit ihrem Interesse für eine gewisse Erfahrung und künstlerische Reife sowie für die reflexive Dimension eines künstlerischen Werks.
Dies heisst für Chantal Molleur auch, dass sie das Schaffen einer Künstlerin wie etwa Edith Flückiger (vertreten im vergangenen Frühling gemeinsam mit der kanadischen Künstlerin Germaine Koh in der von Molleur co-kuratierten Ausstellung ‹(im)mobile› im Haus für Kunst Uri) oder eines Künstlers wie Max Philipp Schmid über Jahre verfolgt und zu verschiedenen Anlässen in diversen Kontexten im In- und Ausland präsentiert. Immer gegenwärtig ist bei den über die letzten Jahre entwickelten Projekten, Kooperationen und Festivalpräsentationen Molleurs Engagement sowohl für den eigentlichen Event wie auch für die Bedingungen, unter denen dieser stattfindet. Ihre Budgets enthalten stets auch den Posten der «artist's fee». Die langjährige Erfahrung als Förderin insbesondere einer selten und oft nur zu geringen Preisen verkäuflichen Kunstform wie Video hat Molleur sensibilisiert für diesen auch von arrivierten Kurator/innen und den sie alimentierenden Institutionen noch häufig vernachlässigten Aspekt. Als eine Art «Hub» versteht die engagierte Netzwerkerin die Initiative ‹White Frame›: ein örtlich nicht notwendigerweise festgelegter Knotenpunkt in einer komplexen, grundsätzlich offenen und hybriden Struktur, die einerseits Institutionen und Events und andererseits das Fachwissen verschiedenster Akteure in der Kunstwelt in sich vereint.

Auseinandersetzung als Gewinn
Die unter dem Label ‹White Frame› figurierenden Projekte sind verschiedenartig. Molleur und ihre ‹White Frame›-Partnerin Stella Händler verantworteten etwa gemeinsam den Schweiz-Fokus am Fabulous Festival of Fringe Film im kanadischen Durham. Gezeigt wurden Arbeiten unter anderem von Sonja Feldmeier, Edith Flückiger, Susanne Hofer, Ralph Kühne, Christoph Oertli, Elodie Pong, Max Philipp Schmid und Rafael Sommerhalder. Mit dem beim Kunsthistoriker und Philosophen René Berger geliehenen Motto ‹Les mousquetaires de l'invisible› knüpfte Molleur als Kuratorin eines Schweiz-Fokus am International Festival of Films on Art in Montréal an historische Positionen der Schweizer Videokunst (René Bauermeister, Jean Otth, Gérald Minkoff et al.) an, präsentierte aber gleichzeitig auch viele Werke jüngeren Datums von Judith Albert, Emmanuelle Antille, Peter Aerschmann, Collectif Fact, Philipp ­Gasser, Yves Netzhammer und anderen.
‹White Frame› realisiert in Kooperation mit Künstlerinnen, Kuratoren, Förderstellen und Geldgeber/innen mitunter Präsentationen «seiner» Künstler an Orten, die eher zu den Nischen auf der Kunst-Weltkarte gehören. Der in Basel beheimatete Max Philipp Schmid etwa konnte sein Schaffen im griechischen Korfu zeigen. Partner vor Ort war das Forschungslabor ‹Interactive Arts› des Department of Audiovisual Arts der Ionischen Universität in Korfu. Die Ausstellung bedeutete damit nicht nur eine eindimensionale Vermittlung der Arbeit von Schmid, sondern bot Gelegenheit zur Begegnung, zum Austausch und zur Auseinandersetzung zwischen Studierenden und den auf Kreations- beziehungsweise Produktionsseite involvierten Personen.
Erfüllend einerseits und entbehrungsreich andererseits ist so ein Kuratorinnen-Produzentinnen-Promoterinnen-Leben zwischen den etablierteren und privilegierteren Akteuren des Kunstbetriebs: Wie so manch andere Initiatin im Kunstbereich ist Chantal Molleur zur Umsetzung ihrer ‹White Frame›-Projekte stets von Neuem auf Unterstützung von Förderstellen, Stiftungen und weiteren Geldgeber/innen angewiesen. Und wie der von manch anderer Initiantin neuer Formen der Zusammenarbeit und Vermittlung ist auch ihr Lohn, trotz einiger Jahre Aufbauarbeit und trotz Lichtblicken wie der kommenden mehrjährigen Unterstützung vonseiten der Basler Christoph Merian-Stiftung/CMS, weiterhin vorwiegend ein ideeller.
Isabel Fluri, Kunstwissenschaftlerin, lebt und arbeitet in Basel. isafluri@hispeed.ch



Bis: 02.12.2016


Aktuelles Projekt: ‹The Compiler Screenings›, Stadtkino Basel, 2.12.

Chantal Molleur (*1969, Montréal) lebt in Basel

Bachelor des Arts, Université du Québec, Montréal
Master Kulturmanagement, École des hautes études commerciales/HEC, Montréal

Realisierte Projekte
2013 ‹Swiss special focus›, Fabulous Festival of Fringe Film, Durham, Kanada; ‹50 years of Swiss video art›, Instants Vidéo Numériques et Poétiques, Friche Belle de Mai, Marseille
2014 ‹Frenetic Standstill›, Kerkyra, National Gallery of Korfu, Griechenland; ‹(im)mobile›, Dalhousie Art Gallery, Halifax, Kanada; ‹Les mousquetaires de l'invisible›, Montréal, Kanada
2015 ‹Infinite Singularities›, Stadtgalerie Bern
2016 ‹The Nightlight Screenings›, Garten der Christoph Merian-Stiftung, Basel; ‹(im)mobile›, Haus für Kunst Uri, Altdorf; ‹Rendering Time›, Metropolis Kino, Hamburg, und Neues Kino, Basel

Geplante Projekte
2017-2018 ‹The Nightlight Screenings›, Garten der Christoph Merian-Stiftung, Basel; ‹The Compiler Screenings›, verschiedene Orte in Lugano, Zürich und Genf; ‹Vantage Points›, noch zu bestimmender Ort in der Schweiz
2018 White Frame/OBORO-Ausstellung, Montréal



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Ausgabe 12  2016
Autor/in Isabel Fluri
Künstler/in Chantal Molleur
Link http://www.whiteframe.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=161126122938ASF-1
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