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Fokus
12.2016


 Das Werk von Loredana Sperini ist eine fragmentierte Welt voller Symbole. Wirklichkeitsfacetten werden neu arrangiert und als mögliche und unmögliche Realitäten übereinander gelagert wie Traumfetzen in Tagträumen oder Halbschlafmomenten. Doch mit feinen Fäden gelingt es der Künstlerin, alles zusammenzuhalten. Aktuell widmet ihr das Kunstmuseum St. Gallen eine eigene Werkschau, die nicht nur die künstlerische Entwicklung anschaulich macht, sondern Sperini darüber hinaus neue Möglichkeiten eröffnet.


Loredana Sperini - True Blue, Traumfänger und fragmentierte Körper


von: Nicola Schröder

  
links: Installationsansichten: Girlande mit schwarzen Keramikfingern, gekrümmter Matratze aus Zement und Wachs sowie Metallparavent mit Garnstruktur, Kunstmuseum St. Gallen, 2016. Foto: Sebastian Stadler
rechts: Ohne Titel, 2016 Metall, Holz, Baumwollgarn, Glasperlen 285x 55x288 cm, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler


Unter dem Titel ‹True Blue›, der auf eine zentrale Arbeit Sperinis Bezug nimmt, hat ihr das Kunstmuseum St. Gallen eine Bühne inklusive Experimentierfeld zur Verfügung gestellt. Besagte Arbeit, ‹il cielo in una stanza›, besteht aus einem geschlossenen, mit Steinen bestückten, blauen Fenster. Für Sperini steht es für eine «tiefe Sehnsucht und Versöhnung» und weist voraus auf wichtige Aspekte ihrer Arbeit wie den der Melancholie oder der immanenten Dichotomien, darunter Innen und Aussen, Diesseits und Jenseits, Körperlichkeit und Abstraktion.

Textile Wurzeln
Sperini liess sich zunächst zur technischen Zeichnerin und Textildesignerin ausbilden, fügte nach einiger Zeit aber noch ein Kunststudium hinzu. Auf der Suche nach Inhalt und Tiefe wollte sie dann zunächst weg vom textilen Handwerk, zu wenig schien ihr dies mit der Suche nach Inhalt und Tiefe vereinbar. «Ich musste zuerst den gestalterischen Zwängen, die von meiner Ausbildung als Textilentwerferin tief in mir waren, entkommen.»
Im Vordergrund stand für sie in dieser Zeit die Fotografie. Erste öffentliche Aufmerksamkeit für ihre künstlerische Arbeit erhielt sie jedoch erst, als sie begann, ­fotografische Porträts von Freund/innen in aufwendige Stickereien zu übersetzen: monochrome, zeitintensive Interpretationen von nach Fotos entstandenen Zeichnungen. Im Weiteren erprobte Sperini wandfüllende, zunehmend reliefartige Wachsmalereien und Spiegelarbeiten. Letztere warfen die Betrachtenden in verzerrter Form auf sich selbst zurück und produzierten damit erste konkrete Fragmentierungen der Realität. Den Schritt hin zur Skulptur machte die Künstlerin während eines Atelieraufenthalts in Berlin, wo ihr bei Trödlern die Bruchstücke von Porzellanfiguren aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs auffielen. Diese bildeten den Grundstein für erste Figurenkonstellationen. Sie setzte sie zu neuen, oft grotesken Skulpturen zusammen und überstrich sie teilweise mit schwarzer, Russspuren evozierender Farbe. Später begann sie, Fragmente selbst herzustellen und ein Archiv anzulegen. Ihre Arbeit fokussiert seither auf die ständige Neuformation der Elemente, bei der das Thema der Auflösung des Bildes und das Verhältnis der Materialien eine grosse Rolle spielen. Wachs-Beton-Bilder entstehen, bei denen sie die Härte von Beton mit der Weichheit und Transparenz von Wachs konfrontiert. Die tiefengeschichteten Formen sind ungegenständlich kristallin und schaffen eine kompakte Verbindung von Skulpturalem, Relief und Malerei. Nach und nach kommt auch Farbe ins Spiel, die für Sperini grundsätzlich mit Emotionalität einhergeht. Schimmernde Flächen überlagern sich zu geometrischen und, wie sie sagt, «kaleidoskopischen» Kompositionen.

Das blaue Fenster
Es ist das blaue Fenster aus Zement ‹il cielo in una stanza›, das die Ausstellung in St. Gallen und die rätselhaften Bildwelten Sperinis eröffnet. Was folgt, ist eine dichte Ansammlung von Skulpturen aus Fragmenten und unterschiedlichsten Materialien wie Zement, Wachs, Stein, Bronze oder Aluminium. Darunter dominieren Collagen aus Abformungen menschlicher Extremitäten oder Gesichtsteile in Kombination mit geometrischen Formen. Aus einem kleinen, bronzenen Haus schauen einem Puppenaugen entgegen. Eine Komposition aus Händen erinnert an die Formen eines Baums.
Wie in Analogie zur allgemeinen Materie taucht bei Sperini alles mehrfach und in ständig wechselnden Zusammensetzungen auf. Es ist eine Erprobung sämtlicher Elemente und Kombinationen, wobei die Übergänge meist unbemerkt verlaufen. «Ich habe das tiefe Bedürfnis, den verschiedenen ureigenen Qualitäten, der Fragilität, Instabilität und Härte der Materialien nachzugehen, sie durch Experimentieren an die Oberfläche zu bringen und dort ihre ganz eigene Wirkung entfalten zu lassen. So entstehen surrealistische Körperwelten, Momente der Erinnerung und der Versöhnung.» Auf den ersten Blick erscheint das noch eindeutig, doch bei näherer Betrachtung zerfällt jede Logik und verläuft sich bis ins Unwirkliche. Was bleibt, ist eine Mischung aus beflügelter Fantasie und einer Portion Beunruhigung.

Raumeroberung
Und plötzlich scheint die Traumwelt einen Durchschlupf in die Realität gefunden zu haben: Der Säulensaal des Museums mit den auffälligen, ornamentierten Gusssäulen hat Sperini erstmals zu dem Schritt ermutigt, eine Art Installation zu schaffen. Ein Multiple aus eigens entwickelten Arbeiten, das jetzt mit dem Raum in Dialog tritt. Es ist die traumartig szenische Situation, auf die vorangegangene Werke nur mehr punktuell hingewiesen haben. Dabei macht die Szenerie im ersten Moment einen geradezu feierlichen Eindruck. Sie wird dominiert von einer schwarzen Girlande, einem filigran gewirkten Paravent und diversen kompakten, möbelartigen Skulpturen. Reliefartige Zement- und Bronzeabgüsse von Stickereien an den Wänden komplettieren das Bild zu einer Art losen Interieurszene. Bei näherem Hinsehen und Durchwandern des Raums kann man sich allerdings einem gewissen Unbehagen nicht entziehen. Tatsächlich erkennt man subtile magische Verwandlungen von Möbelstücken: Die Girlande besteht aus aufgefädelten Fingerfragmenten, beim Passieren einer gekrümmt im Raum aufgestellten Matratze aus Zement entdeckt man daraus «herauswachsende» Beine. In einen schwarzen Tisch aus Bronze sind im Vollguss weitere Fingerfragmente integriert. Die anfangs beschaulich wirkende Szene wird durch inhaltliche Assoziationen und Hinweise auf Zwischenwelten gebrochen.

Traumfänger
Einen besonders deutlichen Hinweis auf die Welt des Traums und das Wandeln zwischen den Welten gibt dann der letzte Raum der Ausstellung. In einem besonderen Wandregal sind hier modifizierte Wachsköpfe angeordnet. Diese wecken deutlich die Assoziation von Karnevalsmasken und Harlekinen, mit ihren geschlossenen Augen aber auch diejenige von Totenmasken. Die mytholgische Verschwisterung von Schlaf und Tod drängt sich auf. Bestimmt wird der Raum, der mittels rosa verhangener Fenster in ein weiches Licht getaucht ist, von einem grossen Mobile. Es besteht aus Stickrahmen, die eine Reminiszenz an überdimensionierte Traumfänger sind. Was Sperini hier entstehen lassen möchte, ist «eine Zwischenwelt der nächtlichen Schwere, Bildwirklichkeiten unterschiedlicher Dichte, die Erinnerungen hervorrufen». Die frei gesponnenen und gestickten Motive sind erneut Sperinis Fragmentfundus entnommen: Hände und geometrische Formen, die durchsetzt sind mit Glasperlen. Der Harlekin scheint bei alldem die Funktion einer Schlüsselfigur einzunehmen. Mit seiner Verwandlungsfähigkeit steht er klischeehaft für eine Zwischenwelt aus Fik­tion und Realität. Als traditionelle Figur schafft er die Möglichkeit für Träume, Utopien und Spiel. Als Einziger darf er sich entgegen der Norm verhalten.

Versöhnung
Anders als zu Beginn ihrer künstlerischen Arbeit setzt Sperini nun auch den Stickrahmen als Ausdrucksform ein. «Bei meinen ersten Stickbildern war das für mich nicht möglich. Ich wollte die weissen Stofftücher mit ihren Bildwelten sichtbar machen und sie nicht in Stickrahmen zeigen, die sie gedanklich eingeschränkt hätten.» Parallelen zur einer speziell weiblichen experimentellen Kunst sind bei Sperini wie bei vielen weiblichen Kunstschaffenden nicht von der Hand zu weisen. Dem stimmt sie zu und präzisiert, sie gehöre «zu den Künstlerinnen, die sich mit der Fragestellung des inneren und äusseren Zustands des Körpers» befassten und sich dafür mit unterschiedlichen Materialien und Techniken auseinandersetzten. Sperini schafft ein gewirktes Konstrukt, das mit seinen zahlreichen Fäden, Fragmenten und Symbolen Tiefe zum Ausdruck bringt und dabei besonders von einer anspruchsvollen Handwerklichkeit profitiert.
Nicola Schröder, freie Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin in Rapperswil-Jona. nicola_schroeder@web.de
Zitate von Loredana Sperini: Gespräch am 23.9. 2016 in St. Gallen und Telefonat am 26.10.2016.
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Bis: 08.01.2017


Loredana Sperini (*1970, Wattwil), lebt in Zürich

Ausbildung zur Technischen Zeichnerin, danach zur Textilentwerferin
1996 Vorkurs an der ZHdK
1997-2000 Studiengang Bildende Künste an der Hochschule Luzern

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹si fa sera›, Fondation du Château de Gruyères; Hauser&Wirth Collection, Henau
2014 ‹mi ritorna in mente›, São Paulo
2012 Tanja Roscic, Loredana Sperini, Neuer Kunstverein Wien
2005 ‹esiste comunque›, Kunsthalle St. Gallen

Gruppenausstellungen (Auswahl ab 2010)
2015 ‹Diamonds Always Come in Small Packages›, Kunstmuseum Luzern
2013 ‹A Broken Inheritance›, Clifton-Benevento, New York
2012 ‹Menschenzellen›. Acht Künstlerinnen aus der Sammlung Ursula Hauser, Lokremise St. Gallen
2010 ‹Une Idée, une Forme, un Être - Poésie / Politique du corporel›, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; ‹Patching›, Thomas Brambilla, Bergamo



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Loredana Sperini [24.09.16-08.01.17]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Nicola Schröder
Künstler/in Loredana Sperini
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