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Fokus
12.2016


 Mit ironischem Witz schafft die Turner-Preisträgerin eine Zwischenwelt, in der Filmbilder und Gegenstände, Oberflächen und Materialien, Darstellungen und Einstellungen sich gegenseitig anstecken und kontaminieren. Sodass es zu physischen Übertragungen zwischen Bildern und Objekten kommt. Die installativen Setzungen erzeugen ein ironisches Schauspiel, das die Ausstellungssituation zur kritischen Neulektüre freigibt. Im Gespräch legt Laure Prouvost weitere Fährten.


Laure Prouvost - Film-Verkörperungen, Augen-Fallen


von: J. Emil Sennewald

  
links: Maquette for Grand Dad's Visitor Center, 2014, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, Courtesy Galerie Nathalie Obadia. Foto: Marc Latzel
rechts: Vulcano Paradise, 2016, Installationsansicht, Kunstmuseum Luzern. Foto: Marc Latzel


«The wanderer went to the hairdresser, on his way to the storage he got lost in communication...» - so führt Laure Prouvost die Besucherinnen und Besucher ihrer Website auf Abwege. Auch mit Installationen, Videos und Collagen aus Bildern und Objekten verführt sie wie Scheherazade durch Erzählung, die unablässig ihr Ende aufschiebt. Das reizt dazu, sich ziehen zu lassen. Je mehr wir ihren Bildern folgen, desto mehr verstricken wir uns in ihren Geschichten. Einer linearen Erzählung, einem verschriebenen Sinn entschlüpft sie immer wieder mit einem Scherzwort oder -bild. So wie bei der kleinen Arbeit, die gerade auf der FIAC angeboten wurde: ein Sockel, darauf ein Apfel. Daran eine weisse Leinwand, auf der in schwarzen Buchstaben gemalt ist: «Dieser Apfel hier hat die Macht, alles in moderigen Staub zu verwandeln.» Der Apfel: Evas Sündenfall, Schneewittchens Verderben, der Witz zieht hinein in symbolische Gewebe, lässt Weiterspinnen über das verlorene Paradies und die Einrichtung von Geschlechterrollen. Oder ist alles nur ein banaler, kleiner Spass, ohne Tiefgrund? Ungewiss. Der Denkanstoss schubst «à côté de la plaque»: neben die Spur. Dort, wo man durch Ironie hingelangt, dieser treuen Gefährtin der Denker und Zweifler.

Sennewald: Sie haben gestern den Orden für besondere Leistungen des französischen Staats erhalten, was bedeuted dies für Sie?

Prouvost: Ich fühlte mich ein wenig zwischen den Stühlen. Es war natürlich nice and lovely, aber auch ein wenig weird, weil ich mich eigentlich nicht als etablierte Künstlerin sehe, aber natürlich dennoch stolz bin.

Verloren in einem Zwischenraum
Das Betrachten von Laure Prouvosts Filmen, das Durchwandern ihrer Installa­tionen, das Kosten der Himbeeren, die sie auf Löffeln an der Wand befestigt, überlässt uns einem Zwischenraum, «lost in translation». Weder die eine noch die andere Sprache verfängt. Das gilt für ihr plastisches Vokabular zwischen Objekten, Bildern, Videos, auch Gemälden und anderen Materialien. Das gilt für die Grammatik ihrer Installationen, die aus Kino, Film und Tableaux vivants zu stammen scheinen. Und es gilt für das linguistisch-kulturelle Feld, das sie beackert.

Sennewald: Würden sie nach Frankreich zurückkehren? In Paris hat man Sie ja bisher wenig gezeigt, die erste Solo-Show kam erst 2015 im fernen Rochechouart.

Prouvost: Warum nicht? Ich fühle mich vor allem als Französin. Aus familiären Gründen bin ich jetzt woanders. Auch kenne ich l'art français nicht gut, von aussen wirkt sie oft philosophisch, vielleicht ein wenig energiearm. Das ist in London anders, wenn es für mich auch lange gedauert hat, dort adoptiert zu werden. Aber diese Nationenfragen stelle ich mir nicht, die Projekte entstehen durch Zusammenarbeit mit Menschen, egal woher sie sind.

Erhellender Blick knapp daneben
Um der Kunst der nach England emigrierten Französin auf die Spur zu kommen, bedarf es einer eigenen Methode. Passend wäre: die Arago-Methode. Walter Benjamin zitierte 1931 in seinem Aufsatz «Kleine Geschichte der Photographie» den französischen Astronomen, Physiker und Politiker François Arago, der vor der Deputiertenkammer 1839 Daguerres Erfindung als Beginn eines neuen Sehens verteidigte. 33 Jahre später, 1964, zitiert ihn Jacques Lacan, um die Erkennbarkeit psychischer Phänomene zu erläutern: «Wenn Sie einen Stern vierter oder fünfter Grösse sehen wollen - das ist das Arago-Phänomen -, dann sollten sie ihn nicht direkt ansehen. Wenn Sie allerdings an ihm ein klein wenig vorbeischauen, dann kann er erscheinen.»

Sennewald: In Ihrer Arbeit spielt der Körper eine wichtige Rolle als eine Art Passage der Bilder. Geht es um Übersetzungen von Körperlichkeit?

Prouvost: Der Körper (niest, schneuzt sich)? Entschuldigen Sie, ich war gerade auf den Bahamas und bin jetzt erkältet, die Klimaanlage... wo waren wir? Ach ja: Man sieht ja immer nur einen Teil des Sichtbaren. Der Besucher meiner Arbeiten schafft den Teil, der fehlt. Das Bild ist Teil des Raums, der mit dem Publikum geteilt werden muss. Ich will wirklich, dass das sichtbar wird: die Präsenz als Betrachter. Gleichzeitig vergisst man in gewisser Weise seinen Körper, wenn man ein Video schaut, dabei betrachtet man eigentlich nur bunte Pixel, you are blending in.

Hybride Körperlichkeit
Von der Decke hängen gebündelte getrocknete Zweige, eine Jalousie, eine andere aus Reisig, an der ein Kaktus befestigt ist, dann wieder das grob ausgeschnittene Bild eines Frauengesichts, die Unterlippe ragt über den Bildrand, die gesenkten ­Augen sind zerkratzt. Man könnte versucht sein, hier das Theater eines Animisten zu sehen, der fotografische Bilder als besondere Objekte vorstellt, und als realen Gewaltakt erlebt, wie dem Bild eines geliebten Menschen die Augen ausgekratzt werden. Aber die Künstlerin ist keine neukonzeptuelle Arbeiterin am Pictorial Turn. Man sieht bei ihrer Arbeit am Körper der Bilder eher Einflüsse von Fluxus und Dada - Kurt Schwitters ist einer ihrer Bezugspunkte.

Sennewald: Wird bei Ihnen der Körper verflüssigt, hybrid im Sinne der amerikanischen feministischen Naturwissenschaftshistorikerin Donna Haraway?

Prouvost: Haraway ist für mich wichtig, aber es geht nicht um weibliche Körper allein. Dass ich so viele Filme um den weiblichen Körper gemacht habe, war einfach praktisch, ich konnte meinen eigenen verwenden, den ich am besten kenne. Körper und Bild sind mehr, der Gendered Body ist heute etwas Geschichtetes.

Fährten, die auf Abwege führen
Die Künstlerin reflektiert den Bildschirm als vom Publikum und vom Bildsubjekt geteilten Welt-Raum, in den sie mit Schrift zurückruft «Ideally this sign would remember you». Die in ihren Räumen immer wieder anzutreffenden Schrifttafeln erinnern an Remy Zauggs Schriftbilder oder an die Definitionen von Joseph Kosuth. Doch der konzeptuellen Linie tritt bei Prouvost die physische, eine der Begegnung überlassene Präsenz ihrer Arbeiten entgegen. Dramaturgisch durchzieht die Werke von Prouvost ein ernster Witz. Durch das Aufwallen des Museumsbodens im Münchner Haus der Kunst im März dieses Jahres macht sie den Entzug erfahrbar. Ein Entzug, der durch die Erwartung an Bilder provoziert wird. Und nach neuen Bildern verlangt. Deshalb legt die Künstlerin Fährten, damit das Publikum von ihnen abgeht. Erst neben der Spur geben Bilder preis, was sich sonst in der Illusion einer Repräsentation des Realen verbirgt.

Sennewald: Geht es in Ihrer Arbeit auch um das, was dem Blick widersteht, was sich nicht unterwirft?

Prouvost: In den Videos ist der Betrachter ziemlich unter Kontrolle. Er meint zu kontrollieren, dabei kontrolliere ich ihn. Dieses Medium ist sehr anregend, es hat diese unterschwellige Wirkung. Mit der Macht der Bilder muss man umgehen.

Sennewald: Wie gehen Sie vor?

Prouvost: Ich suggeriere: Das ist dein Bild, deine Erinnerung. Ich gebe Dingen ihren Platz - kann sie aber dann nicht mehr kontrollieren, denn sie werden oft sehr anders wahrgenommen. Ich habe keinen Anspruch auf eine bestimmte Reaktion.

Sennewald: Worin besteht heute die Rolle der Künstlerin?

Prouvost: Ihre Rolle? (langes Schweigen) Das ist eine verzwickte Frage. Vielleicht neue Räume oder sogar neue Weisen des Sehens vorzuschlagen - das sind nur Angebote - vielleicht auch, Sprache in Frage zu stellen, zu fragen, was was ist und warum und so...? Oder auch: Vorstellung zu pushen... Ich kann nicht anders, als zu machen und zu erfinden, das ist nicht einfach eine Rolle, ich nehme einen Abstand ein und behandle diesen Abstand. Es gibt ja viele Fragen zur Rolle des Künstlers. Und auch viele Missverständnisse. Wenn es dann ums Leben geht, ist das sehr anders, dann kann man nicht mehr von einer Rolle sprechen. Ich glaube nicht an den Künstler, der am Rande steht, oder gar an den Meister, das Genie. Es geht um Fundamentaleres. Ehrlich gesagt spiele ich ziemlich viel mit der Frage zur Rolle des Künstlers.

Sennewald: Worum geht es in Luzern?

Prouvost: Im Consortium in Dijon ging es los, da habe ich Dinge fallen gelassen, es ging um eine Art mentalen Ausweg. Dort beginnt der Weg in die Tiefe, in einen unbewussten Zustand. Im MMK in Frankfurt ging es dann noch tiefer, gewissermassen ins Zentrum der Erde, da gab es einen Haufen Bilder, die auf einem auf dem Boden liegenden Videobildschirm zusammengeschmolzen waren - es war ein Clash, nach dem man nicht mehr sicher war, ob man Kunst ansieht.

Sennewald: Und in Luzern kommt die Zeit danach?

Prouvost: Genau. Hier will ich das Ganze auf einen neuen Level heben, räumlich, bis hinauf in den 6. Stock des Gebäudes. Ich führe das Publikum über einen leicht ansteigenden Steg. Es geht um das Wiederauftauchen aus der Tiefe mit sieben Videos und einer TV-Installation zu Kurt Schwitters. Wir graben und dringen tief in die Geschichte meines Grossvaters ein. Der letzte Saal ist die Spitze des Vulkans, der das Publikum dann entlassen wird.

Sennewald: Wie haben Sie das entworfen?

Prouvost: Es gab viel Arbeit im Vorfeld, intensive Beschäftigung mit den Räumen. Das ist eine körperliche Antwort auf den perfekten, idealen Whitepace der Institution. Ich zeichne auch viel, nicht Entwurfszeichnungen, sondern eher eine Begleitung meines Nachdenkens darüber, was ich tun will, wie die Wände verrückt werden sollen. Gar nicht immer physisch, sondern im Geist des Betrachters. Manchmal baue ich auch Modelle, hier in Luzern habe ich mit einem Architekten zusammengearbeitet.

Verführung als Instrument
Ob es einen Ausweg aus der durch Kunst und Kultur verformten Realität der Körper gibt, fragte Heinrich von Kleist bereits 1810. Eine Antwort gab er nicht, wohl aber eine Methode: Man müsse durch das verlorene Paradies hindurch, um sich wieder einen Körper aneignen zu können. Prouvost gestaltet Räume, die wie jenes verlorene Paradies anmuten, nutzt Verführung als Instrument, um uns vorwärtszutreiben, Objekte als Mittel zur Heilung vom Bildfieber, Sprache als Lösung von der Verhaftung in Vorgestelltem: «Ideally here would be a door to where you want to be now.»

J. Emil Sennewald, Kritiker und Publizist in Paris, Professor für Philosophie an der École supérieure d'art de Clermont Métropole, Forscher an der École nat. supérieure des arts décoratifs, Paris. Emil@weiswald.com

Bis: 12.02.2017


Laure Prouvost (*1978 in Croix, Département Nord, Frankreich), lebt in London und Antwerpen

2002 Bachelor of Fine Arts, Central Saint Martins, London
2010 Master of Fine Arts, Goldsmith College, London

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Pirelli Hangarbicocca, Mailand; Museum für Moderne Kunst, Frankfurt ; Le Consortium, Dijon
2015 Musée Départemental d'Art Contemporain de Rochechouart; nbk Neuer Berliner Kunstverein
2014 New Museum, New York; Extra City Kunsthal, Antwerpen
2013 Tate Britain, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 Musée Départemental d'Art Contemporain de Rochechouart; Salzburger Kunstverein, Salzburg
2015 La Panacée, Montpellier; National Taiwan Museum of Art, Taichung
2014 Nouveau Musée National de Monaco
2013 Biennale de Lyon



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Laure Prouvost [29.10.16-12.02.17]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Laure Prouvost
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