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Ansichten
12.2016


 Die zahlreichen medialen Abbildungen von ‹Tête de femme› aus der aktuellen Ausstellung von Alberto Giacometti im Kunsthaus Zürich verleihen dieser Gipsskulptur von archaischer Anmutung und lebhafter Präsenz besondere Bedeutung. Für eine öffent­liche Präsentation war sie nie bestimmt. Sie führt ins Atelier an den Ort ihrer Entstehung.


Ansichten - Flora Mayo, Giacomettis Bildnis aus einer anderen Welt


  
Alberto Giacometti · Tête de femme (Flora Mayo), 1926, Gips bemalt, 31,2x23,2x8,4 cm, Fondation ­Alberto et Annette Giacometti, Paris, Copyright Alberto Giacometti Estate, 2016 und Succession Alberto Giacometti ©ProLitteris


Der weiss geschlämmte Kopf mit abgeflachtem und mit Einritzungen traktiertem Gesichtsfeld ist ein Porträt. Giacomettis experimentelle Arbeitsweise hat ihm keineswegs den Bildnischarakter genommen, auch wenn er hier gleichsam die Disziplinen vorführt, die sein Schaffen bestimmten: skulpturales Gestalten, Malerei und Zeichnung. Sein Modell war die amerikanische Künstlerin Flora Mayo, die mit ihm an der Académie de la Grande Chaumière in Paris studierte. Erkennbar ist sie dank dem kurz geschnittenen Haar und den mandelförmigen Augen. Das Porträt zeigt Giacomettis Methode des Einritzens in einer frühen Anwendung. Wenig später entstanden die berühmten Porträtköpfe des Vaters in Stein mit den eingravierten Gesichtszügen. Giacometti distanzierte sich in dieser Zeit vom klassischen Ideal, das an der Académie unterrichtet wurde. Dabei öffnete ihm die Beschäftigung mit fremden Kulturen neue Wege der künstlerischen Aneignung. Anregungen fand er im Musée d'ethnographie du Trocadéro, dem späteren Musée de l'homme, insbesondere in der Abteilung der afrikanischen Stammeskunst. So sind ihm auf seinen musealen Entdeckungsreisen die rituellen Löffel der Dan aufgefallen, die zur Löffelfrau führten.
Auch für das Porträt von Flora Mayo könnte Giacometti dort Anregungen gefunden haben. So beispielsweise bei Grabfiguren aus dem Kongo, die aus Holz geschnitzt und mit dick geschlämmter Kalkfarbe bemalt sind. Bemerkenswert ist der grosse, leicht geöffnete und wulstige Mund dieser Figuren. Eine Ähnlichkeit zum sinn­lichen Mund der Flora Mayo ist nicht zu übersehen. Im Jahr 1926 hat Giacometti ­eine ­Bakota-Grabfigur erworben. Ein Foto zeigt ihn damit im Atelier. Das zur flachen Scheibe stilisierte Gesicht der Stele ist mit abstrakten Ornamenten versehen. Doch Giacomettis Interesse galt auch anderen Kulturen. So erwähnte er gegenüber dem Modell Yanahaira Isaku sein Interesse für die japanische Skulptur. Dabei könnte er an shintoistische Göttinnen gedacht haben. Möglich, dass er sich von Nô-Masken inspirieren liess. Mit Blick auf ‹Flora Mayo› ist die Maske einer jungen Frau mit weissem Gesicht und kräftig rotem Mund denkbar, wie sie Giacometti vielleicht im Musée d'ethnographie gesehen hat. Zwischen Giacometti und Mayo entspann sich eine Liebesbeziehung. Sie porträtierten sich gegenseitig. Mayos Kopf von Giacometti im klassisch-akademischen Stil existiert nicht mehr. Nachdem ihre Beziehung in die Brüche gegangen war, zerstörte sie ihn, bevor sie in die USA zurückkehrte.
Gabriele Lutz, Kunsthistorikerin und Kuratorin, atelier@gabriele-lutz.ch



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Ausgabe 12  2016
Autor/in Gabriele Lutz
Künstler/in Alberto Giacometti
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