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Besprechung
12.2016


Isabel Zürcher :  Auf den ersten Blick scheint die amerikanische Künstlerin Roni Horn nicht prädestiniert für eine Ausstellung in Nachbarschaft zur Klassischen Moderne. In der Fondation Beyeler legt ihr insistierendes Befragen des Sichtbaren jetzt neue Fährten zur hauseigenen Sammlung.


Basel/Riehen : Roni Horn - vom Scheitern der Sprache an der Sinnlichkeit


  
links: Roni Horn · lse 5, 2009, Or 7, 2013-15, Installationsansicht Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2016. Foto: Stefan Altenburger
rechts: Roni Horn · Water Double, v.1, 2013-15, v.2 and v.3, 2013-16 (Detail), Installationsansicht Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2016. Foto: Stefan Altenburger


Roni Horn (*1955, New York) eröffnet ihre Ausstellung in der Fondation Beyeler mit der Serie ‹a.k.a.›, 2008/09. Paarweise ordnet sie fotografische Porträts ihrer eigenen Person zueinander und fordert den Vergleich heraus. Im strahlenden Kind spiegelt sich Elternstolz, die Jugendliche mit dem Haarreif blickt skeptisch, in weissem Hemd und mit Brille exponiert sie sich im Gestus einer Intellektuellen. Im Fortlauf einer Ästhetik privater und professioneller Fotografie werden wir zu Zeugen einer kontinuierlichen Verwandlung. Wir erkennen zeittypische Attribute und sehen uns entlarvt in der Erwartung ans Bild von ein und derselben Frau. Seit mehr als dreissig Jahren beeindruckt Roni Horn mit ihrem unbestechlichen Nachdenken: Ihr Thema ist die Textur von Wahrnehmung, das Verhältnis zwischen Sinnlichkeit und Sprache, das Instabile von Gegenwart. Nichts bleibt sich gleich, und was wir zu kennen meinen, hat im nächsten Augenblick einen anderen Ausdruck. Handschriftlich verbindet Roni Horn in der jüngsten Papierarbeit Gertrude Steins legendären Satz «A rose is a rose is a rose» mit der Redewendung «coming up smelling like roses». Durch scharfe Schnitte vielfach verletzt und neu zusammengefügt, ist die Lesbarkeit der ohnehin mehrschichtigen Aussagen in der Reihe der Zeichnungen auch visuell irritiert. Das strauchelnde Lesen mündet in den Blick auf ein kristallines Lichtermeer.
Roni Horn fotografierte 1999 die Themse, um in der manchmal glatten, manchmal dunkel aufgewühlten Wasseroberfläche kurze Kommentare anzusiedeln: «When you say water, what do you mean?» Die Erscheinung von Licht und Aggregatzuständen entzieht sich einer eindeutigen Begrifflichkeit. Erlebbar wird dies auch bei den fünf aus massivem Glas gegossenen Körpern im folgenden Saal. Seitlich opak und oben glatt wie Öl verändern sie sich mit der Bewegung des Lichteinfalls, dehnen Spiegelungen und wirken in Bezug auf den Boden wie zauberhaft mächtige Lupen. Die Fondation Beyeler legt keine Retrospektive aus, sondern stellt in sechs Werkgruppen ausgewählte Konzentrate von Horns Schaffen vor. Der Rundgang regt zuletzt neue Blicke auch in die hauseigne Sammlung an: Er geht über in Räume mit Werken von ­Alberto Giacometti, Marlene Dumas, Louise Bourgeois, Thomas Schütte, Balthus oder Pablo Picasso. Und es ist, als hätte Roni Horns Insistieren darauf, dass immer alles auch wieder anders sein kann, der Behauptung des jeweils «Besten» eine Spitze genommen. Kunst ist Befragung, Verunsicherung und Möglichkeitsform, die - ungeachtet genderspezifischer Autorschaft - Dialoge entzünden will.

Bis: 01.01.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Roni Horn [02.10.16-01.01.17]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Isabel Zürcher
Künstler/in Roni Horn
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