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Besprechung
12.2016


Miriam Wiesel :  Eine Welt ohne uns? Diese Frage bewegt nicht nur den Autor Alan Wiseman, sondern auch den belgischen Künstler David Claerbout, der in seinem monumentalen neuen filmischen Werk ‹Olympia› den allmählichen Zerfall des Berliner Olympiasta­dions simuliert.


Berlin : David Claerbout - Digitale Ruinen


  
David Claerbout · Olympia, 2016, Echtzeitprojektion im Kesselhaus des KINDL Berlin ©ProLitteris. Foto: Jens Ziehe


Nach langer Umbauzeit wurde Ende Oktober das von dem Deutsch-Schweizer Ehepaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard initiierte, von Andreas Fiedler kuratierte ‹KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst› eröffnet. Doch schon Wochen vorher lud ein Teil des Komplexes zur Besichtigung ein: Im zwanzig Meter hohen Kesselhaus der ehemaligen Brauerei ist seit September die imposante Echtzeitprojektion ‹Olympia. The Real-Time Disintegration into Ruins of the Berlin Olympic Stadium over the Course of a Thousand Years› des für seine meditativen Videos bekannten Künstlers David Claerbout zu sehen. Damit ist eigentlich alles gesagt: Das für die Olympiade 1936 von Albert Speer vollendete Stadion war bestimmt für ein Tausendjähriges Reich. Seinen Zerfall zu verfolgen, dauert tausend Jahre. Für uns Menschen, Betrachter/innen wie Künstler/innen, eine Ewigkeit.
Claerbout räumt ein, dass er die Verpflichtung, die er mit dem Kunstwerk eingegangen ist, anfangs nicht realisiert habe. Drei Jahre Vorbereitung benötigte allein die anspruchsvolle Digitalisierung des Gebäudes, das sich nun zögernd um die eigene Achse dreht, von der Sonne in den Schatten und wieder ans Licht. Ein Loop, der keiner ist, was man an diesem wolkenlosen Vormittag kaum wahrnimmt: Nie wieder wird es so sein, denn das reale Wetter wird in die Projektion einbezogen, der Stand der Sonne ist morgen ein anderer, das Gras wächst weiter, der Stein erodiert. Weisman spielt in ‹Die Welt ohne uns›, 2007, mit der Vorstellung, was wäre, wenn es von einem Tag auf den anderen keine Menschen mehr gäbe - ein kühnes Gedankenexperiment, das aus dem raschen Verfall unserer Umwelt und der Langlebigkeit mancher Materialien ein apokalyptisches Zerrbild konstruiert. Auch Claerbout hat die Menschen draussen gelassen, die für den Erhalt und Unterhalt unserer scheinbar so festgefügten Realität sorgen. «Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert», liess Lampedusa seinen Helden Tancredi sagen. So muss der Algorithmus, der uns das entschleunigte Spektakel vor Augen führt, immer wieder angepasst werden: Im März wurde zum letzten Mal Rasen geschnitten, seither laufen biologische und künstlerische Zeit nicht mehr synchron. Ist ‹Olympia› also ein Symbol unseres Aus-dem-Tritt-Geratens? Oder kalkuliert der Künstler, wie einst Speer, mit dem «Ruinenwert»?

Bis: 28.05.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen David Claerbout [11.09.16-28.05.17]
Institutionen KINDL/Zentrum für zeitgenössische Kunst [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in David Claerbout
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