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Besprechung
12.2016


Katharina Holderegger Rossier :  Wie ein Komet zischte der 44-jährige Künstler Wade Guyton aus einer Stahl­arbeiterfamilie in Hammond, Indiana, vor einer ­Dekade über das New Yorker Kunstgeschehen. Jetzt zeigt er seine neuen, während eines zweijährigen Rückzugs erzeugten Bilder erst einmal an einem etwas perifereren Ort.


Dijon, Genève : Wade Guyton - Selbstbespiegelungen im Atelier


  
Wade Guyton · Mamco, 2016, Ausstellungsansicht. Foto: Annick Wetter


Interessieren Sie sich noch für Malerei, ihre Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Dann sind Sie in der von Nicolas Tremblay kuratierten Schau, die jetzt vom Dijoner Consortium über den Jura in das Genfer Mamco gewandert ist, richtig. Wade Guyton (*1972) gilt heute als der Hotshot im Malerei-Diskurs, obwohl er als Maler nie selbst Hand angelegt hat. Genau darum geht es: Wie Andy Warhol mit seinem Siebdruck­atelier hat Guyton 2003 eine aktuelle Technik der Bilderzeugung erfunden und eine Methode, wie er das Malen delegieren kann. Doch kommt er mit seinem Ink­jet-Printer zu einem insofern verblüffenderen Resultat, als bei ihm Form, Farbe und Textur trotz technischer Vervielfältigung kohärent und subjektiv wirken. Guyton erreicht dies, indem er seinen Apparat überfordert. Er legt statt Papier oder Film eine gefaltete Leinwand in seinen Epson Stylus Pro 9600 ein, der dann die Bahn in zwei Gängen mit den ihm übermittelten Dateien je hälftig benetzt - so gut er die Codes für einen riesigen Vierfarbendruck extrapolieren und den Stoff einziehen und ausstossen kann. Parallel zum technischen Gestotter erscheint auf seinen Leinwänden deshalb stets auch ein deutlicher Artikulationsriss, der einem, je nachdem, ob vom Künstler im Hoch- oder Querformat eingesetzt, das Gefühl vermittelt, vor etwas Urbekanntem - Bildnis oder Landschaft - zu stehen. Seine Bilder regen deshalb nicht nur als Kommentare zum Status des Bildes an, dem im 0.2-Zeitalter jede Originalität und Stabilität abhandengekommen scheint. Sie überzeugen auch als Analogien unserer stets ambitiösen, aber prekären Existenz. Sie wirken fragil und entwickeln in Ausstellungen dennoch eine hohe Präsenz, weil der Künstler mit ihnen die Architektur in der Regel bis zum äussersten Rand ausmisst.
Unverändert tauchen nun alle diese Züge in der neusten, nur mit seinem Namen betitelten Schau auf. Das für ihn typische, über die Computertasten ausgelöste minimalistische Vokabular (Balken, Gitter, Lettern) ist darin marginal geworden. Motivisch dominiert eine farblich bearbeitete iPhone-Aufnahme, auf der man sein Atelier mit einem skulptierten Marcel-Breuer-Stuhl vor einem ‹Black Painting› sieht. Am weitesten geht diese kühne Affirmation des Biografischen für einen, der stets mit der Erzählung vom Tod des Autors geflirtet hat, indes auf der expressionistisch wirkenden Aufnahme des Atelierbodens, in die sich eine Schuhspitze geschoben hat. Vielleicht musste sich Guyton deshalb in den Jurabergen verstecken.

Bis: 29.01.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Wade Guyton [12.10.16-29.01.17]
Institutionen Mamco Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Wade Guyton
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