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Besprechung
12.2016


Niklaus Oberholzer :  Das Auge schweift über die zerklüftete Urner Landschaft, hinunter ins Reusstal, hoch zu den Bergen. Es schweift über eine sich stets verändernde, üppig-farbige Vegetation. Hier, hoch über Schattdorf im Kanton Uri, lebt Maria Zgraggen. Ob ihre ­Malereien in diesem Lebensraum ihren Ursprung haben?


Emmenbrücke : Maria Zgraggen - The Wandering Eye


  
Maria Zgraggen · Ohne Titel, 2013, Acryl auf Leinwand, 115x100 cm


Der Titel, den Maria Zgraggen (*1957) für ihre Ausstellung im Akku in Emmen gewählt hat, spricht vom umherschweifenden Auge - von ihrem über das grossartige, ständigen Stimmungswechseln und ständigen Bewegungen unterworfene ‹Freilichtkino› der Urner Landschaft - wie sie es einmal genannt hat -, schweifenden Auge, aber auch davon, dass unser Auge über ihre Malereien schweift und darin Halt und Anregungen für neue Seherfahrungen sucht. Die vier 240 auf 310 oder gar 240 auf 370 cm messenden, eigens für die Ausstellung geschaffenen Malereien und die rund 30 Zeichnungen und Acrylmalereien auf Papier vermögen und wollen wohl auch gar nicht ein Bild dieses ‹Freilichtkinos› festhalten. Doch Maria Zgraggen setzt den Wechseln und Bewegungen in der Landschaft eine Antwort entgegen - mit den Mitteln ihrer selbständigen, sich nicht am konkreten Gegenstand orientierenden Malerei, die ihrerseits lustvoll in fast unbändiger Freiheit ausschweift.
Wie entscheidend der reale Lebensraum der Künstlerin für ihre Malereien und Papierarbeiten ist, lässt sich schwer sagen. Es geht denn auch nicht um konkret Identifizier- und Benennbares. Vielleicht aber um ein Lebensgefühl in dieser Landschaft, vielleicht auch um eine trotz aller Spontaneität der Pinselführung kontrollierte Vision von Freiheit, Aufbruch und Entgrenzung. Der teils aufgewühlte, teils sanfte Auftrag der meist hellen Farben führt trotz aller Gegensätzlichkeit zu Ruhe und Ausgewogenheit. Die oft mehrfachen Schichtungen des Farbmaterials erwecken den Eindruck tiefer und sich frei entfaltender Räume, in denen sich Verdichtungen des malerischen Geschehens mit offenen Leerstellen abwechseln. In der bis an die Decke des Raums reichenden filigranen Installation ‹Von A. nach B.› aus bemaltem Sperrholz übersetzt Zgraggen, was sie in der Malerei entwickelt, ins begehbare Dreidimensionale und lädt uns ein, den auf alle Seiten hin offenen Bildraum zu betreten und hier das Auge schweifen zu lassen - bis hin zu den grossformatigen Malereien an den Wänden. Die neuen Werke entwickeln im Galerieraum eine beeindruckende, doch stets mit hohem Bewusstsein kontrollierte Dynamik. Eine ganze Reihe von Zeichnungen (Farbstift, Bleistift, Kugelschreiber, Filzstift) sowie Acrylmalereien auf Papier ergänzen die von Lena Friedli kuratierte Schau. Sie wirken wie selbstverständlich gesetzte Zeichen und Notizen - asketisch in den eingesetzten Mitteln und zugleich grosszügig in der Offenheit gegenüber dem ausschweifenden Betrachterauge.

Bis: 04.12.2016



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Maria Zgraggen [22.10.16-04.12.16]
Institutionen akku/Kunstplattform [Emmenbrücke/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Maria Zgraggen
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