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Besprechung
12.2016


J. Emil Sennewald :  Über vier Jahre hat der Kunsttheoretiker Georges Didi-Huberman Hunderte Darstellungen von ‹Umwälzungen aller Art› gesammelt: Fotografien, Gemälde, Dokumente, Filme. Jetzt formt er mit ihnen einen grossen Ausstellungs-Essay in fünf Abschnitten im Jeu de Paume.


Paris : Soulèvements - Bilder dienen dem Begehren


  
links: Roman Signer · Rotes Band, 2005, Vidéo couleur, son, 2'07'', Caméra : Aleksandra Signer / Courtesy Art: Concept, Paris
rechts: Germaine Krull · Jo Mihaly, danse Révolution, 1925, Épreuve gélatino-argentique. Museum Folkwang, Essen. ©Estate Germaine Krull, Folkwang Museum, Essen


Ist der zum Steinwurf erhobene Arm der Streikenden dasselbe wie der zum Himmel erhobene des Heiligen? Ist Rose Zehners wütende, von Willy Ronis fotografierte Geste, die 1938 zum Streik aufruft, dieselbe wie die künstlerische von Jo Mihaly im ‹Revolution› genannten Tanz, 1925, aufgenommen von Germaine Krull? Sind Jack Goldsteins Schläge auf die Tischplatte von 1972 dasselbe wie der mit zerbrechlicher Linie von Joseph Beuys 1981 als ‹Erdbeben› gezeichnete Hammer? Nein, sie sind ähnlich. Ähnlichkeit entsteht durch Kombination, sie motiviert Assoziationen, verbindet weit über historische oder inhaltliche Stichhaltigkeit. Ähnlichkeit ist Hauptmotiv von ‹Soulèvements›. Dessen ästhetische Bewegung fasst der am Eingang gezeigte Film ‹Remontages› von Maria Kourkoura, 2016, wie ein Trailer zusammen: ein Reigen fallender und aufsteigender Bewegungen aus historischen Momentaufnahmen. Darunter Perlen wie Sigmar Polkes grosses Schablonenbild auf Zeitungspapier ‹Gegen die zwei Supermächte - für eine rote Schweiz› von 1976. Oder, aktueller, das Video ‹Break it before it's broken› von Tsubasa Kato, 2015.
«Bilder allein sind wie einzelne Worte. Erst im Satz entsteht Sinn», sagt der an Warburg geschulte Theoretiker. Er bleibt der aus seinen Büchern bekannten Methode treu, auch Inkommensurables wie im Traum so zu kombinieren, dass es Sinn erzeugt - wodurch künstlerische Positionen bisweilen eingeengt werden. So wird ­Agnès Geoffrays Bearbeitung einer Fotografie der 1911 gelynchten Laura Nelson, 2011, mit Paulo Abreus Grusel-Video ‹Conde Fereira› von 2003 auf ihre ästhetische mehr denn ihre historisch-politische Aussage ausgerichtet. Auf den Vorwurf suggestiver Appropriation erwidert der 63-Jährige: «Mich interessiert nicht das gesamte Werk, das ich teils gar nicht kenne. Mich interessiert eine spezifische Arbeit, die ich in Dialog mit anderen bringen will.» Er sei «kein hauptberuflicher Kurator. Bilder sind dazu da, Fragen zu stellen, nicht sie zu beantworten. Sie dienen nicht allein dem Zeigen oder dem historischen Erinnern, Bilder dienen dem Begehren und damit der Zukunft. Es sind Entwürfe.» Von der Projektion zum Projektil ist es nicht weit - der aufbegehrende Optimismus des Theoretikers übersieht nicht die Folgen in dunklen Zeiten. «Erhebungen folgt der Fall», bemerkt er, «nach jedem Fall steht man wieder auf. Von Weitem betrachtet könnte man ein Flattern, einen Pulsschlag, ein Auf und Ab sehen - das nennt man Leben. Fatalerweise endet es unten.»

Bis: 15.01.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Soulèvements [18.10.16-15.01.17]
Institutionen Jeu de Paume [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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