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Besprechung
12.2016


Hans Rudolf Reust :


Zürich : Alberto Giacometti - Herantasten / Vergleichen / Da capo


  
links: Alberto Giacometti · Werke 1924-1937 (oben), Werke 1928-1934 (unten), Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, Courtesy Succession Alberto Giacometti ©ProLitteris. Foto: Dominic Büttner
rechts: Alberto Giacometti · Werke 1925-1927 (oben); Werke 1949-1965 (unten), Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, Courtesy Succession Alberto Giacometti ©ProLitteris. Foto: Dominic Büttner


Rémy Zaugg hat im Musée d'Art Moderne in Paris 1991 eine Retrospektive zu Giacometti eingerichtet. Kern dieser Künstlerausstellung war eine Inszenierung der Miniaturfiguren in riesigen weissen Wandkojen, sodass sich die Besuchenden in der persönlichen Konfrontation mit den einzelnen, winzigen hieratischen Figuren selbst erfahren konnten: «Sein ganzes Leben bemühte er sich darum, diese Intuition zu verstehen: die Welt zu erfassen, bevor man sie erkannt hat, diesseits der Konventionen, ohne Vorurteil. (...) Was mich an Giacometti interessiert, ist das Bemühen, Skulpturen ohne Materie zu schaffen... Der Raum scheint sich in ihnen zusammenzuziehen und aus ihnen hervorzuwachsen», so damals Rémy Zaugg.
Die neuste Ausstellung im Zürcher Kunsthaus fokussiert auf das Material und wirft uns weniger auf uns selbst zurück. Vielmehr versetzt sie uns in die Rolle der Beobachter von Prozessen, wie sie sich wahrscheinlich in den Ateliers von Paris und Stampa abgespielt haben. Das Ausstellungsdispositiv unterstützt Vergleiche zwischen den Ausführungen einzelner Werke in verschiedenen Materialien und schafft in einer chronologischen Abfolge Querbezüge unter Arbeiten aus allen Werkphasen. Stein, Plastilin, Ton, Gips, Holz und Bronze sind mit ihren spezifischen Eigenschaften in Giacomettis Werk präsent. Gips war ihm immer wichtig als Ausgangsstoff des Modellierens, als bemalbare, mittels Auftragens und Wegschabens noch zu überarbeitende Zwischenform zum Guss wie auch als ein selbständiges Material, in dem seine Figuren auch ausgestellt werden konnten.
Durch die Schenkung von 75 Gipsformen aus dem Nachlass von Bruno Giacometti hat die Alberto-Giacometti-Stiftung am Kunsthaus 2006 einen substanziellen Neuzuwachs erhalten, den sie in den vergangenen Jahren erforschen und konservieren liess. Wissenschaftlich hoch entwickelte Methoden erlauben es heute, Phasen der Arbeit und der ständigen Überarbeitung durch Giacometti selbst, die technisch notwendigen Nuancierungen im Prozess des Abgiessens und nachträgliche Eingriffe der Konservierung und Restaurierung zu dokumentieren.
So versucht diese Ausstellung nun im musealen Rahmen die Unmittelbarkeit des Arbeitens von Giacometti aufgrund der komplexen Erkenntnisse der jüngsten Forschung wachzurufen. Der Grundriss wird durch eine Mittelachse von Kojen in den Ausmassen des Pariser Ateliers bestimmt. Dadurch vermittelt sich eine nachvollziehbare Nähe der Werke und eine Erinnerung daran, wie sie im Atelier nahe nebeneinander entstanden und in wechselnden Konstellationen auch präsentiert wurden. Öffnungen und Durchblicke, verbunden mit einer bewussten Lichtregie, unterstützen den Wechsel zwischen Vertiefungen und Seitenblicken. Zeichnungen und Malereien erscheinen neben den bekannten Fotografien von Ernst Scheidegger und Georges Brassaî, um Personen und Ateliersituationen zu zeigen. In den Fotografien aus der Zeit wird die Atelieratmosphäre bereits gültig eingefangen, sodass die originalen Möbel oder Arbeitsgeräte in dieser Ausstellung eher populär anekdotisch wirken. Die grosse Fülle an Objekten, von denen nicht wenige noch nie gezeigt wurden, wird vor Wänden und auf Sockeln in verschiedenen Graustufen oft zu grösseren Gruppen versammelt, die ein analytisch vergleichendes Sehen verlangen. Mehr als das Einzelwerk gerät hier die Variation in den Blick.
Giacometti selbst hat bei seinen Ausstellungen den Status von Gipsfiguren in verschiedenen Zuständen und Bronzegüssen gleichwertig gesehen. Der Kurator der aktuellen Ausstellung, Philippe Büttner, erwähnt in seinem Katalogtext mit einem kleinen Hinweis auf die Korrespondenz (s. Kat. S. 39, Anm. 43), dass der Künstler dabei skeptisch war, Gips und Güsse derselben Figur nebeneinander auszustellen. Genau darauf beruht nun allerdings die aktuelle Inszenierung. Sie erweist sich als eine fundierte Studienausstellung, fokussiert auf das Nachzeichnen der künstlerischen Prozesse. Während der Ausstellungstitel «Material» und «Vision» noch trennt, um sie zueinander in Beziehung zu setzen, hat die Vision des Künstlers die Sinne und das Material selbst erfasst.
Giacomettis Annäherungen in Permanenz, seine haptische und visuelle Intelligenz entziehen sich letztlich auch der wissenschaftlichen Topologie und dem mikroskopischen Blick der Konservierung. In der überragenden Gegenwart so vieler Werke lässt die Zürcher Ausstellung noch einmal neu erfahren, wie sehr die Kontraktion und Verdichtung des Raums bei Giacometti durch eine nie abschliessbare Arbeit am Material vermittelt sind. Auch für das Ausstellen gilt schliesslich: da capo. Wiederholte Besuche drängen sich auf.


Bis: 15.01.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Alberto Giacometti [28.10.16-15.01.17]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Alberto Giacometti
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