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Besprechung
12.2016


Marc Schwegler :  Das Museum Tinguely vereint mit ‹Musikmaschinen/Maschinenmusik› erstmalig die zwischen 1978 und 1985 entstandenen Méta-Harmonien von Jean Tinguely - und bringt sie zum Klingen. Zudem erweitert es die Präsentation mit einem vielfältigen Rahmenprogramm.


Basel : Jean Tinguely - Gleichberechtigung der Klangkörper


  
Jean Tinguely · Méta-Harmonie IV, 1985, Installationsansicht Museum Tinguely, Basel ©ProLitteris. Foto: Christian Baur


Es bietet sich ein anregendes Hörerlebnis, wenn die im Raum versammelten Ton-Mischmaschinen von Tinguely aufspielen. Die vier ‹Méta-Harmonien› eröffnen ein durchaus differenziertes Klangspektrum, das sich in seiner Zufälligkeit dennoch auch als komponierte Klangkunst, als Harmonie im weitesten Sinn begreifen lässt.
Klang und Geräusch finden sich als Material bereits seit den Fünfzigerjahren im Werk von Jean Tinguely - etwa in seinem Relief ‹méta-mécanique sonore II› von 1955. Sehr bewusst widmete sich der Künstler schon früh bewusst dem Akustischen und entwickelte sein Schaffen parallel zu der zeitgleich aufkommenden Neuen Musik. Berührungspunkte mit den entsprechenden Protagonisten gab es allemal. So etwa als John Cage die legendäre Performance von Tinguely im Moma New York mit den sich selbst zerstöhrenden Maschinen ‹Homage to New York›,1960, besuchte.
Tinguelys Méta-Harmonien produzieren in einer Dialektik von Monumentalem und Ephemerem sowie im Zusammenspiel von Farbe und Materialität, Klang und Bewegung immer wieder neue Irritationen. Die Werke versammeln Verworfenes und Tradiertes, Ausgeschiedenes und Akzeptiertes und adeln in der Erstarrung als ­Objet trouvé die Instrumente der Hochkultur und die Überreste des Industriezeitalters zu gleichberechtigten Klangkörpern. Von der Triptychon-artigen ‹Méta-Harmonie I› von 1978 bis zu den späteren Arbeiten ‹Pandämonium N° 1 - Méta-Harmonie III› und ­‹Fatamorgana - Méta-Harmonie IV› scheinen seine Klangchimären immer mehr ­ihren bildhaften Rahmen zu sprengen, um in einem barocken Überschuss in den Raum zu drängen. Was das früheste Werk noch in einer gewissen formalen Strenge zurückhält, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu immer komplexeren Gebilden mit unterschiedlichen Tönen und Klangfarben. Die martialisch anmutende Traktorkonstruktion ‹Klamauk› von 1979, ein Sound-Mobile avant la lettre, befreit sich schliesslich endgültig von der Immobilität.
Tinguelys Klangkörper zeugen von einer Funktionalität, die nur der Zahn der Zeit zu stoppen mag, wenn er sich in ihre Materialität eingräbt und gewisse Objekte - wie etwa das Klavier in ‹Méta-Harmonie II›, 1979, - zum Verstummen bringt. Das dem Klang per se innewohnende Element der Zeitlichkeit wird über einen kuratorischen Gestus in den Ausstellungsraum geholt: Konzerte, Installationen und andere Objekte unterschiedlicher Herkunft erweitern die Schau temporär.

Bis: 22.01.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Niki de Saint-Phalle, Jean Tinguely [05.11.16-22.01.17]
Institutionen Galerie Stihl Waiblingen [Waiblingen/Deutschland]
Autor/in Marc Schwegler
Künstler/in Jean Tinguely
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