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12.2016




Leverkusen : Peter Radelfinger


von: Grit Weber

  
links: Peter Radelfinger · Kissen & Falten, seit 2000, Bleistift auf Papier, 104x75 cm, Courtesy Galerie Basta Büro, Uwe Mokry / Hamburg
rechts: Peter Radelfinger · Aah...Aha!, 2016, Inkjetprint, 59,4x42 cm, Courtesy Galerie Basta Büro, Uwe Mokry / Hamburg


Je unerklärlicher, je unübersichtlicher das Leben, desto begehrlicher erscheinen kausale Zusammenhänge, die das Tohuwabohu der Welt in ein überschaubares Vorher und Nachher zu ordnen vermögen. Wunderbar hilfreich ist hierbei die Infografik, ein ebenso nützliches wie populäres Darstellungsformat, welchem sich auch Peter Radelfinger (*1953) vor allem in seiner jüngsten Werkserie ‹Aah...Aha!› gewidmet hat. In der Tat waren hierzu unzählige Zeichnungen nötig, die jedoch nicht nur die Zutaten einer jeden Infografik enthalten - Pfeile, Kästchen und Diagramme -, sondern auch typisierende Grafiken von Kleinkindern, Wasserflaschen oder polygonale Gebilde. Dies alles sind die Vorlagen, die der in Zürich lebende Radelfinger in kurze Animationen packt. In Morsbroich führen sie in kleinen Monitoren ihr sonderbar pulsierendes Eigenleben. Da stossen zwar Pfeile in Richtungen, doch die Erklärungsimpulse laufen ins Leere. Kleine Computersymbole blinken, ein Gefährt bewegt sich vor und zurück, doch wozu diese fröhliche Betriebsamkeit nütze ist, das wird nicht klar. Fast fühlt man sich wie eine debile Neunzigjährige, welche die komplexen Abläufe des smarten Eigenheims ihrer Enkel begreifen soll. Und da jede Überforderung auch ihre Komik hat, entlädt sich das immerwährende, doch vergebliche Bemühen in die Parodie. Dieses nachdadaistisch-blödelnde Spiel hat also seinen überzeugenden Reiz in den Animationen, doch Radelfinger will es auch in den Zeichnungen erkannt wissen und breitet sie - warum auch immer - über die gesamte Etage aus. In diesen Zeichnungen wiederholt er die Gebilde, Personen und Situationen immer und immer wieder, und sie tauchen auch in den Joke-Animationen auf, kurzen Bewegtbildern, die er seit 2003 produziert. Hier stehen in Schutzanzüge Eingemummte und atmen gespannt oder wackeln gelegentlich nervös mit den Fingern. Da dreht sich eine Überwachungskamera und offenbart in ihrem Okular das Spiegelbild des überwachten Objekts, oder eine wolkige Daten-Cloud klappt verführerisch mit den Augenlidern, die aus Laptops gemacht sind. Die Einmündung all der wiederkehrenden Figuren hinein in die Filme wird als Erlösung empfunden, gibt es doch hier die nötige Konzentration, die in der Flut redundanter Zeichnungen nicht existiert, gibt es doch hier den wohltuenden Schritt, der die künstlerische Recherche, also das Kopf- und Ateliergeschäft, in eine plausible Form der Repräsentation bringt.

Bis: 23.04.2017



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Peter Radelfinger [07.10.16-23.04.17]
Institutionen Museum Morsbroich [Leverkusen/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Peter Radelfinger
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