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12.2016




Paris : Tino Sehgal


von: J. Emil Sennewald

  
Philippe Parreno · Tino Sehgal's Annlee, gezeichnet im Palais de Tokyo Paris, 2013, Bleistift auf Papier


Sind Künstler bessere Kuratoren? Gewöhnlich unterstellt man ihnen grössere sensible Nähe als dem professionellen Kunst-Versammler. Ästhetische Gefühlsbande sind freilich zweifelhaft. Besser wäre zu fragen: Was machen Künstler als Kuratoren? Tino Sehgal gestaltet Beziehungen, Begegnungen, Entgegnungen. Auf 13'000 Quadratmetern des Palais de Tokyo. «Das Ganze ist die Ausstellung, was hier passiert, ist die Arbeit», betont der Künstler, der weiterhin visuelle Reproduktionen ablehnt. Und er bleibt nach Eröffnung dabei, «um Neues auszuprobieren». Zum Beispiel Neukombinationen seiner performativen Arbeiten, die sich zwischen Werken eingeladener Kollegen abspielen. Sehgal ist kein Kurator. Er ist Regisseur eines grossen Ausstellungsstücks: Das Publikum passiert zuerst einen riesigen Perlenvorhang - Reaktivierung von Felix Gonzáles-Torres' ‹Untitled (Chemo)› von 1991. Dann steht es unter den milchig-weissen Glasplatten mit bunten Kreisen, die Daniel Buren als ‹Quatre Fois moins ou Quatre Fois plus?› 2004 schon einmal hier installierte. Den als massiven Kuratorenkritiker bekannten Buren an den Anfang zu stellen, ist ein Statement. Sehgal setzt ihn als Versprechen ein. Denn bevor die Aufmerksamkeit sich zur hinterleuchteten Zwischendecke heben kann, fragt ein Darsteller, was ein Rätsel sei. Einmal beantwortet, bittet er freundlich ins Untergeschoss. Dort setzt ein höchst gelungenes, installatives Spektakel Werke und Publikum einander aus. Intelligente Dialoge zwischen Objekten, Eingriffen, Personen, Vorstellungen, Stimmungen, die hier nicht nacherzählt werden sollen. Eine neue Arbeit von Pierre Huyghe - so viel sei verraten - plätschert im Keller. Huyghe schuf mit Philippe Parreno 1999 die Markengestalt ‹Annlee›. 2013 liess Parreno während seiner ‹carte blanche› Annlee als animiertes Video im Saal 37 des Palais de Tokyo von ihrem Schicksal als gefangene Kunstfigur erzählen. Sehgal strahlt das Video wieder aus. Vorher treten ein Mädchen und ein Junge auf. Sprechen darüber, wie einsam sie sind, als Figuren einer Ausstellung, in der sie keinen Kontakt zum Publikum finden. Kontakt wagen bedeutet sich aussetzen, sich ­exponieren. Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Risikos wieder ins Kunstzentrum zu rücken, ist Tino Sehgals wichtigstes Verdienst.

Bis: 18.12.2016



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Tino Sehgal [12.10.16-18.12.16]
Institutionen Palais de Tokyo [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Tino Sehgal
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