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Hinweis
12.2016




Milano : Armin Linke


von: Barbara Fässler

  
links: Armin Linke · United Nations, COP19 Climate Change Conference, Warsaw Poland, 2013
rechts: Armin Linke · Kawah Ijen Volcano, Biau (Jawa Timur) Indonesia, 2016


Der Mensch ist Jäger und Sammler: rastlos neugierig, ständig umtrieben, ewig hungrig nach physischer, aber auch geistiger Nahrung. Die Generierung menschlicher Erkenntnis folgt einem analogen Mechanismus: durch empirische Erfahrung sammeln wir Informationen, die unser Intellekt seinen Kategorien zuordnet und dann zu Erkenntnissen verarbeitet. Armin Linke (*1966) setzt diesen urmenschlichen Trieb seit zwanzig Jahren konsequent um. Der deutsch-italienische Künstler ist immerzu auf Reisen, unterwegs, auf der Jagd nach Sujets von Archiven, Museen, Servern, Bibliotheken, Arbeitsfeldern, wissenschaftlichen Forschungszentren oder von Menschenhand veränderte Landschaften. Sein ständig wachsendes Archiv besteht aus Zehntausenden Fotografien, welche er immer wieder in neuer Form interaktiv inszeniert. In der Wanderausstellung, die derzeit im Mailänder PAC zu sehen ist, wurden die Fotografien einer präzisen Dramaturgie folgend positioniert. Die flexible Modulstruktur bewegt sich rhythmisch durch das Innere der Räume. Jede der 130 Tafeln enthält je eine Fotografie samt Legende. Armin Linke hat sieben Wissenschaftler/-innen geladen, eine Serie aus seinem Archiv auszuwählen und zu kommentieren und hat jeder Bildergruppe einen Raum zugeordnet. An der hintersten Wand stapeln sich die nicht selektionierten Tafeln wie in einem Depot. Wer zwischen den Bildern flaniert, wird von den gesprochenen Gedanken der Experten begleitet. Die Einladung, eigene Assoziationen und Bezüge zwischen den abgebildeten Sujets und den eigenen Erfahrungen herzustellen ist Teil der interaktiven und relationalen Strategie des Künstlers. Speziell spannend wird die Intervention der Wissenschaftler/innen da, wo sie dieselben Bilder auswählen und ein Vergleich ihrer Kommentare möglich wird. Das Bild des Schneidraums in der Notendruckerei der Banca d'Italia, welches eher einer aseptischen und hermetisch abgeschotteten Kommandozentrale gleicht, ist für die Kulturwissenschaftlerin Ariella Azoulay Anlass, über Möglichkeiten von Diebstahl im Hochsicherheitsraum zu sinnieren. Der Medientheoretiker Peter Weibel denkt über die Komplexität und Virtualität des Finanzsektors nach und der Soziologe Bruno Latour stellt fest, dass Alles dem Allgemeinsinn entwischt und die wichtigsten Elemente unserer Lebensorganisation unsichtbar sind. Die Kamera von Armin Linke vermag es, hinter die blossen Erscheinungen zu sehen und die unglaublichsten Orte und Institutionen menschlichen Tuns und Forschens in unser Bewusstsein zu rücken und hiermit fraglos unsere Erkenntnisse zu erweitern.

Bis: 08.01.2017


‹Armin Linke, L'apparenza è ciò che non si vede›, Silvana Editoriale, 2016



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Ausgabe 12  2016
Ausstellungen Armin Linke [16.10.16-08.01.17]
Institutionen Padiglione d'Arte Contemp. [Milano/Italien]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Armin Linke
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