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Editorial
1/2.2017




Editorial - Witching Hour


  
TITELBILD · Lynette Yiadom-Boakye · Witching Hour, 2016, Öl auf Leinwand, 200x120 cm, Courtesy Corvi-Mora, London, und Jack Shainman Gallery, New York. Foto: Philipp Hänger


Weshalb prägen sich gewisse Bilder stärker ein als andere, passieren ungefiltert unsere Retina, setzten sich stracks irgendwo in den Tiefen unserer Erinnerung fest und bestimmen fortan, was unsere Aufmerksamkeit fesselt? Es ist ein evolutionärer Effekt. Auge und Hirn sind darauf eingespielt, in allem, was wir sehen, nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zu fahnden. Pilz ist nicht gleich Pilz.
Typologische Verwandtschaften und Abweichungen beschäftigen auch Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker seit Genera­tionen. Sie durchkämmen Bilder nach wiederkehrenden Codes und arbeiten zugleich die persönlichen Eigenheiten der Schöpfer dieser Werke heraus. Doch während das Individuelle während Jahrhunderten nur in feinen Andeutungen zum Tragen kam, werden heutige Kunststudierende darauf getrimmt, möglichst schnell ihre eigenen Themen und Ausdrucksformen zu entwickeln.
Zurück zur Eingangsfrage und zum aktuellen Titelbild. Worin liegt der Zauber dieser Malerei? Wir sehen einen dunkelhäutigen Jugendlichen im Ringelpulli, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Wer spielt hier den aktiven, wer den passiven Part? Mustern wir ihn - oder er uns? Seine provokante Pose lässt eine lange ­Reihe künstlerischer Vorbilder anklingen: Degas' Tänzerinnen, Goyas aus nachtschwarzen Bildgründen hervorbrechende ­Gestalten, Modi­glianis Liegende, Manets Modelle... Die junge ­Malerin ­Lynette Yiadom-Boakye evoziert eine reiche Tradition - indes eine ausschliessende. Sie ist eine Meisterin im Fährtenlegen. Mit ­‹Witching Hour› - so der suggestive Titel dieses fiktiven Por­träts - referiert sie auf vertraute ikonografische Muster, vertauscht Rollen und spielt mit Klischees. Und während wir uns noch überlegen, wer hier wen verführt, sind die beseelten Gemälde von Yiadom-Boakye bereits Teil unserer inneren Bildergalerie geworden. Was geschah da eben? Magie - aber nicht nur. Claudia Jolles



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Ausgabe 1/2  2017
Autor/in Claudia Jolles
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