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Fokus
1/2.2017


 ‹A Passion to a Principle› ist eine Ode an die figurative Malerei.In ihrer monografischen Schau präsentiert Lynette Yiadom-­Boakye dynamische Individuen und lässt zugleich Stereotypen ­subtil und stetig auflaufen. Sie porträtiert Figuren, die wir zu ­erkennen glauben und die zugleich aus ihrer ganz eigenen Welt zu stammen scheinen.


Lynette Yiadom-Boakye - Nicht blickdicht


von: Madeleine Amsler
von: Kadiatou Diallo

  
links: A Passion to a Principle, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2016, mit Blick auf: A Culmination, 2016 (l), und Magenta in the Ravages, 2016. Foto: Philipp Hänger
rechts: The Matters, 2016, Öl auf Leinen, 200x130x3,7 cm, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel, 2016, alle Werke Courtesy Corvi-Mora, London, und Jack Shainman Gallery, New York. Foto: Philipp Hänger


Seit der Kunsthochschule malt Lynette Yiadom-Boakye Bilder. Sie nutzt sie geschickt als Gefäss für Ideen, Weltentwürfe oder Gemütsbewegungen. Sie zollt den alten und den modernen Meistern Respekt, denn sie hat viel von ihnen gelernt, wie sie selbst erklärt. Auf ihren Leinwänden haben wir es aber nicht mit Porträts realer Menschen zu tun, eher mit Figuren oder Personifikationen, die abstrakte Inhalte verkörpern.
Ganz offensichtlich ist jedoch die Tatsache, dass all die Porträtierten eine dunkle Hautfarbe haben, was, so die Künstlerin, die ghanaische Wurzeln hat, kein reaktionärer Akt sei: «Wouldn't it be strange if they were white», erwiderte sie in einem Interview auf die Frage, warum all ihre Figuren schwarz seien.1 Sie malt aus ihrer eigenen Erfahrung. Sie malt ihre Normalität. Es geht ihr nicht primär darum, einer westlichen Kunstwelt, die sowohl von weissen Subjekten als auch von weissen Künstlern - und, wenn auch weniger, Künstlerinnen - dominiert ist, grossformatige «Blackness» entgegenzusetzen.
Und trotzdem geschieht im Ausstellungssaal der Kunsthalle Basel genau das. Von den lebensgrossen Leinwänden, fast ein bisschen von oben herab, blicken ausschliesslich kohlschwarze Regenbogenhäute, umrahmt von strahlend weissen ­Lederhäuten, in die Ferne, ins Nichts, zueinander und direkt zum Publikum.
Man würde den grosszügig angelegten Erzählungen in ihrer Malerei nicht gerecht, bliebe der westliche Blick bei der Tatsache der «Blackness» hängen. Viel tiefer greifend stellt die Künstlerin Fragen zum Hier und Jetzt, ohne dass sie uns diese entgegenschreit. Die Bilder sind in Spuren angelegt. Ohne einen geschärften Blick und Zeit verpasst man so einiges und geht an den diskreten Anspielungen und teils mutigen Thesen vorbei.

Einblicke, Seitenblicke und Durchblicke
Sehr subtil lenkt Yiadom-Boakye die Blicke der Figuren. Verstärkt auch durch die Hängung ergeben sich Erzählungen, die über den Bildrand hinausführen, beispielsweise wenn der junge Mann in ‹Cloister› die Frau in ‹Olders and Betters› keck anlächelt und so eine narrative Dimension weit in den Ausstellungsraum ausgreifen lässt.
Die Männer und Frauen in den Bildern sind erfunden, basieren auf gesammelten Fotos, Geschichten und der Fantasie der Künstlerin. Dass sich die Figuren weigern, preiszugeben, woher sie kommen, was sie hier tun oder wo sie hingehören, bedeutet, dass wir sie nicht einfach einordnen und schon gar nicht beurteilen können. Sie besetzen mit Selbstverständlichkeit ihren Raum und fordern Normalität ein. Sie stehen nicht Modell. Sie definieren sich nicht über das, was wir über sie wissen. Sie rechtfertigen sich nicht. Das Ganze hat etwas Subversives an sich, ohne anklagend zu sein. Im Gegenteil. Yiadom-Boakyes Malerei zeigt immer wieder nackte Leinwand, transparente Stellen, gerade in den Augen, «den Fenstern zur Seele». Diese Durchlässigkeit spiegelt sich oft auch sinnbildlich wider - vor allem in den männlichen Porträts. In ‹Witching Hour›, ‹The Matters› oder ‹Pander to a Prodigy› beispielsweise eröffnet Yiadom-Boakye ausserordentlich intime Einblicke in eine sonst wenig dargestellte Maskulinität, und ganz besonders in diejenige schwarzer Männer. Ihre Charaktere erlauben sich eine selten gezeigte Verletzlichkeit, erlauben sich Feminität. Und das eben nicht als ein Eingeständnis von Schwäche. Im Gegenteil. «I don't paint victims», sagt die Künstlerin während der Präsentation in der Kunsthalle.
Auch gibt es auffällig viele laszive Blicke von Männern in koketten Posen. Blick und Körperhaltung bewegen sich zwischen verletzlichem Ausgeliefertsein und Verführung - beides sonst eher der klassischen Frauenrolle zugesprochen -, wodurch die Figuren zu idealen Projektionsflächen werden. Einige von ihnen haben Federtiere bei sich, die sie ebenso schützend wie anbietend halten. In ‹Pander to a Prodigy› ist es der exotische Pfau und in ‹The Matters› die verschwiegene, mysteriöse Eule. Die jungen, sehr feminin dargestellten Männer schauen uns mit aktivem Blick abwartend an und verharren gleichzeitig in einer Immobilität. Die Frage, wem diese Blicke gewidmet sind, bleibt ein Geheimnis. Die Verführung steht im Vordergrund.
Ganz anders, aber ebenso unerwartet, begegnen uns die Frauen in Yiadom-­Boakyes Werken. Die meisten sind Tänzerinnen mit kraftvollen, ausdrucksstarken Körpern. Oft sind sie abgewandt, zu sehr mit ihrer Tanzroutine beschäftigt, um dem Publikum auch nur einen Moment ihrer Aufmerksamkeit zu schenken. Und genau diese Absorption weckt den Wunsch, teilnehmen zu können. In ‹Magenta in the Ravages› möchte man gerne erfahren, was die drei Seiten- bzw. Rückenfiguren in die Ferne hinein konspirieren. Der Blickkontakt bleibt uns verwehrt, doch es ist gerade dieses Wegschauen, das uns anzieht.
Die Liste von Yiadom-Boakyes Lieblingsautor/innen spricht Bände. Sie reicht von James Baldwin und Ted Hughes über George Jackson und Glenn Ligon bis hin zu ­Audre Lorde, Zora Neale Hurston und Flannery O'Connor und lässt vermuten, dass ­ihrer scheinbar gelassenen Malerei mehr zu Grunde liegt als zunächst ersichtlich. Suggerieren diese fiktiven Charaktere, die sie wie Abgesandte in die Welt entlässt, eine alternative Realität oder Zukunft, in der Schwarzsein - egal wie und wo - normal ist, in der es nicht mehr um Schwarz und Weiss geht, in der stattdessen tiefere Persönlichkeitsschichten zählen? Oder in der es vielleicht ganz einfach nur um die unverschämte, leidenschaftliche Selbstverständlichkeit geht, die eigene Kunst zu machen?
1Gespräch mit Glenn Ligon, Haus der Kunst, München, 4.2.2016
Madeleine Amsler, freie Kuratorin, Genf/Zürich, und Mitarbeiterin Pro Helvetia. Madeleine.amsler@eofa.ch
Kadiatou Diallo, Kuratorin/Künstlerin in Kapstadt und akutell Gastkuratorin in Basel. k@kadiatoudiallo.com


Bis: 12.02.2017


Lynette Yiadom-Boakye (*1977, London), lebt in London

2000-2003 Royal Academy Schools, London
1997-2000 Falmouth College of Art, London

Einzelausstellungen (Auswahl)
2011 ‹Any Number of Preoccupations›, The Studio Museum in Harlem, New York
2012 Chisenhale Gallery, London
2013 ‹Salt 7›, Utah Museum of Fine Arts, Salt Lake City; Pinchuk Art Centre, Kiew
2014 32 Edgewood Gallery, Yale Schoole of Art, New Haven
2015 ‹Capsule Exhibition›, Haus der Kunst, München; ‹Verses After Dusk›, Serpentine Gallery, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2011 11th Lyon Biennial of Contemporary Art, Lyon
2013 Turner Price 2013 (Nominiert) Ebrington, Derry-Londonderry; ‹The Encyclopedic Palace›, 55th Venice Biennale, Venedig; ‹Fiction as Fiction› (or, a Ninth Johannesburg Biennale), Stevenson Gallery, Capetown; ‹The Progress of Love›, The Menil Collection, Houston
2014 ‹Mirrorcity: London Artists on fiction and reality›, Hayward Gallery, London; ‹Queensize - Female Artists from the Olbricht Collection›, Me Collectors Room, Berlin
2015 Sharjah Biennal 12, Sharjah; GIBCA, Röda Sten Konsthall, Göetborg
2016 ‹Stranger!›, Museum of Contemporary Art, Cleveland



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Ausgabe 1/2  2017
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Madeleine Amsler
Autor/in Kadiatou Diallo
Künstler/in Lynette Yiadom-Boakye
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