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Fokus
1/2.2017


 Zeichnen ist schreiben. Zeichnen ist textil, ist digital, ist Verweis und Eigensinn. Alles hängt zusammen und voneinander ab. Wenn die belgische Künstlerin Catharina van Eetvelde ihre Linien auslegt, schauen wir ihr beim Denken zu. Dann quert sie Räume und Zeiten und bringt Dinge zueinander, an denen jede eindimensionale Narration scheitert. Und schafft Konstellationen, an denen sich der Blick üben muss.


Catharina van Eetvelde - Linien in Auflehnung


von: Isabel Zürcher

  
links: ilk.egg._erg.LBYD/SOI, 2016, Mixed Media, Masse variabel, Courtesy Galerie Greta Meert, Brüssel ©ProLitteris. Foto: Charles Duprat
rechts: ilk.egg_contrapunctus, 2016, Papier, Baumwolle, Gummi, Inkjet, Filz, Holz, 29,7x50 cm, Courtesy Galerie Greta Meert, Brüssel ©ProLitteris. Foto: Charles Duprat


‹ILK› ist die Ausstellung betitelt, die das Kunstmuseum Basel der Künstlerin Catharina van Eetvelde eingerichtet hat. Was in Kapitalbuchstaben wie das Kürzel eines internationalen Unternehmens klingt, ist eine altenglische Vokabel für «dasselbe» oder «Entsprechendes». Gleichwertigkeit zeichnet van Eetveldes Kunst aus, ein Insistieren auf die gleich bleibende Sorgfalt im Umgang mit allen Einzelheiten, auf die sich Zeichnung bezieht und aus der sie gefertigt ist.
«Mich bestimmt die Zeichnung», sagt Catharina van Eetvelde. Und das schon lange. Sie zeichne, seit sie denken kann, und habe auch immer gewusst, dass diese Obsession irgendwann ihr ganzes Schaffen ausmachen werde. Die Künstlerin legt Pläne an, vermisst Länder und Körper, notiert in Hand- und Computerschrift Sätze, die sich in ihrem Kopf eingenistet haben. Ihre Figuren und Diagramme sind oft Zitate und auf Wiedererkennung angelegt - ohne expliziten Verweis allerdings auf Herkunft oder Massstäblichkeit. Es könnten Visionen sein, die sie mit handschriftlichen Notaten auf Transparentpapier oder mit weiteren Zeichnungsschichten überlagert; Erinnerungen, die sich sprachlichen Codes anschmiegen und auf den ersten Blick auch ein Gedicht erwarten lassen; Protokolle, die in Kürzeln und Listen als wissenschaftliche Vermessungen aufscheinen; Körpertopografien oder solche ferner Inseln. Mittelformatige Kartonschachteln dienen als Verpackung, sind in der Ausstellung Rahmen und Schutz in einem. Büroklammern und Fäden signalisieren ein Interesse am Provisorium analoger Gleichgewichte.

Alles hängt zusammen
Die Zeichnung macht in diesem Werk nicht Halt vor Gegenständen: Ein faustgrosser Block aus erhärtetem Benzin lagert hängend neben einer feingliedrigen Bleistiftzeichnung; ein hölzerner Spickel hält an einem dünnen Draht und zeigt sich in seiner Lage auch von unten, per Fotografie. «Ich sehe keinen Grund, mich auf Bleistift und Papier zu beschränken. Ich will die Dinge nicht trennen, sondern suche für das, was ich brauche, die jeweils beste Form.» Im Kleinen der Collagen erkennt man Modelle für das Prinzip des Zusammenhangs. Jedes Detail ist sich selbst und gibt sich gleichzeitig zu erkennen als Teil eines Verweissystems. Man wird aufmerksam auf die physikalische Bedingung und die mögliche Zusammengehörigkeit der Dinge. Analoge Zeichnungen sind digitalen Apparaturen angeschlossen. Flächen simulieren Körper, denen digitale Messgeräte den Puls zu nehmen scheinen. In eigengesetzlichen Algorithmen tritt dieser dann anders in Erscheinung. Weil die Zeichnungen von Projekt zu Projekt zirkulieren können, verzichtet van Eetvelde auf eine Datierung und hält sich in den Titeln lieber an die Genealogie der Projekte. Auch da wird eine Systematik spürbar, welche die Freiheit höher wertet als Konventionen.
Ist das kompliziert? Ja, und die Künstlerin weiss es selbst, wenn sie in einer ­ihrer bibliophilen Auslegeordnungen den Satz notiert «what comes out is more of the opaque». Ja, es ist verwirrend - solange wir uns an die Hoffnung klammern, dass sprachliche, visuelle und materielle Befunde unbedingt gesichertes Wissen bilden. Dann kann uns der weiche Bau ihres Zeichensystems nur in einen fried­losen ­Analphabetismus entlassen; in ein Rauschen, Schleifen und Brummen, das die Beweglichkeit der Welt auch akustisch in die Basler Ausstellung holt. Und: Nein, es ist nicht kompliziert. Wenn wir der Linie Freiheit lassen, wenn wir anerkennen, dass wir einiges ähnlich schon gesehen haben, dass wir geschult sind im Lesen, aber ­ahnungslos in Bezug auf alle Möglichkeiten ausserhalb des regulierten Denkvermögens - dann zeichnet van Eetveldes Arbeit mit äusserster Sorgfalt, leise und eindringlich Wege ins Offene.

Rebellion gegen die Verfestigung
«Zeichnen ist eine Haltung, eine Form der Kommunikation.» Diese Kommunika­tion muss durchlässig bleiben, darf auf keinen Fall in fixe Regeln münden. Flämischer Muttersprache, wohnhaft in Paris und zunehmend beheimatet in einer internationalen, englisch sprechenden Szene der Kunst, hat van Eetvelde mehrere Wortschätze bei sich. Sie weiss, dass Sprache auch in der genauesten Übersetzung Differenzen stehen lässt. Darum misstraut sie den Wörtern, wenn sie mehr als ein Instrument oder ein Träger sein wollen und autoritativ auf Wahrheit pochen. Es ist eine Rebellion, die ihr durchdachtes Werk wachsen lässt: Sie zeichnet gegen jene Systeme des Wissens an, die unser Denken in die Enge treiben. Ihr liegt nicht daran, offenen Fragen mit einer Antwort zu begegnen, die erwartungsgemäss auf Recherchen beruht. «Das ist nicht meine Art der Wissensproduktion, denn wir wissen inzwischen, wohin diese führt: Alles, was sich nicht in einer bestimmten Formel fassen lässt, existiert nicht.»
Van Eetveldes Kunst wurzelt in der Beobachtung, dass Realität in Formeln aufzugehen droht. «Was wir uns als Wirklichkeit zu denken erlauben und was uns normal erscheint, ist zunehmend formatiert. Es wird enger und enger, wie wir uns benehmen und was wir denken können.» Van Eetvelde leistet Widerstand: gegen das Verschwinden des Irrationalen und gegen die Annahme, wonach Erfindung weniger wirklich sei als das, was wissenschaftliche Disziplinen analysieren und auswerten. Und weil es so schwierig ist, erhärteten Selbstverständnissen eine gleichzeitig offene wie lesbare Sinnlichkeit entgegenzuhalten, fing sie an, beglaubigte Darstellungsformen in ihre kleinsten Einheiten zu zerlegen - in Linien. Als digitale Vektoren erlauben sie, vorausgegangene Schritte wieder auszulöschen. In der Stickerei rufen sie - weiss in weiss - Buchstaben und Fragen auf: «But what does it mean for a variable to vary.»

Denken jenseits von Hierarchien
Van Eetvelde verwirft die Polarität zwischen analog und digital, feiert die Koexistenz von An- und Abwesendem, plädiert für den Verzicht auf Hierarchien: «Es gibt für mich kein Gefälle zwischen einem Stich von Albrecht Dürer und dem Gekritzel eines Wissenschaftlers. Denn es gibt ganz spezifische Gründe, warum Dürer die Linie so brauchte, wie er sie brauchte, und der Wissenschaftler anders.» Es gibt keinen Grund, Natur und Kultur gegeneinander auszuspielen oder die Polarität zwischen Tier und Mensch aufrechtzuerhalten. Umso mehr gibt es Gründe, warum van Eetvelde ihre Linien in so vielen Varianten zur Aufführung bringt, in den Raum trägt, verkabelt, rotieren lässt oder als seidige Fäden kunsthandwerklich zu Bündeln verschnürt. Ihre Kunst ist Vorbild einer übergeordneten Gleichberechtigung, sie bietet Anschauung für das vitale Nebeneinander von unterschiedlichen Zuständen, Geschwindigkeiten und Verfallszeiten. Viel mehr als in der bildenden Kunst und mehr als in den Naturwissenschaften, deren Visualisierungen sie als Instrument heranzieht, hat sie ihre Komplizen in der Anthropologie, Wissenschaftsphilosophie, Biologie - bei Autorinnen wie Isabelle Stengers, Donna Haraway and Gertrude Stein. Sie und andere haben den Unterschied zwischen der menschlichen Existenz und anderen Kreaturen, Materialien und ihrer Herkunft bereits zu nivellieren versucht. Entschlossen, verspielt, mit grosser Sorgfalt und Respekt fürs Bestehende tritt sie der Definitionsmacht heutiger Zeichen entgegen und erfindet im Zeichnen ihr eigenes System - eine Kartografie, die nichts auslassen muss.
Man ist hellhöriger nach dem Rundgang durch die fünf Kabinetträume im Zwischengeschoss des Basler Kunstmuseums. Wenn die eigene Jeans beim Weggehen jedem Schritt ein helles «rripsch» entlockt, ist das ein Akzent im Ohr, es ist eine kurze Linie im Raum, ein unscheinbarer Vektor, ein Strich in der Luft oder eine Schraffur, die ins Bewusstsein ruft: ‹ILK›, ich bin Teil, ich mische mich ein, und es steht mir frei, in welche Richtung ich denke.
Isabel Zürcher ist Kritikerin und Kunstwissenschaftlerin in Basel. Sie schreibt regelmässig für die Basellandschaftliche und für die Aargauer Zeitung.
Zitate aus einem Gespräch mit der Autorin am 21.11. 2016 in Basel.


Bis: 12.03.2017


Mit reich bebildertem Katalog mit Texten von Anita Haldemann, Tobias Burg und Olivier Sécardin. Kehrer Verlag, Heidelberg / Berlin

Catharina van Eetvelde (*1967, Gent) lebt in Paris

1989 Studien in Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Gent, Belgien
1992 Royal Academy of Fine Arts, Antwerpen, Belgien

Einzelausstellungen (Auswahl)
2006 ‹Undrawn›, Galerie Meert Rihoux, Brüssel
2010 ‹Erg›, Galerie Greta Meert, Brüssel
2014 ‹Whether (Weather)›, van eetvelde sautour, Galerie Greta Meert, Brüssel
2016 ‹Ilk›, Kunstmuseum Basel
2017 ‹Ilk›, Galerie Greta Meert, Brüssel; ‹Ilk›, Museum Folkwang, Essen

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2008 ‹Landscape›, kuratiert von Matthieu Poirier, Galerie Thaddeus Ropac, Paris, Salzburg
2009 ‹Automatic Cities›, Museum of Contemporary Art San Diego, La Jolla
2010 ‹Lauréate du prix du dessin Florence et Daniel Guerlain›, Salon du dessin, Paris
2011 ‹Acquisitions récentes du Cabinet d'Art Graphique›, Centre Pompidou, Paris; ‹Permanent Collection›, The Royal Museum of Fine Arts, Brüssel
2015 ‹La souris et le perroquet›, Villa Arson, Nizza



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Catharina Van Eetvelde [26.11.16-12.03.17]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Zürcher
Künstler/in Catharina Van Eetvelde
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