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Fokus
1/2.2017


 Architektur oder Plastik? Modell oder Möbel? Manfred Pernice arbeitet seit zwanzig Jahren am Thema Dose und unterläuft mit diesem Werktypus formale und ästhetische Kategorien ebenso wie Zeit- oder Inhaltsbezüge. Im Kunstmuseum St. Gallen erfahren die Dosen erstmals eine Familienaufstellung bis in die entferntesten Verwandtschaftslinien hinein.


Manfred Pernice - Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose ist eine Dose


von: Kristin Schmidt

  
links: Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, 2016. Foto: Sebastian Stadler
rechts: Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, 2016. Foto: Sebastian Stadler


Gerillt oder mit angenieteter Öffnungslasche, aus Weissblech oder Aluminium gezogen, mit Banderole oder mit Aufdruck - so kommt die Dose daher. Sie verspricht Inhalt und ist Form, sie ist Behältnis und Zylinder. Sie ist allbekannt und millionenfach gleich. Oder sie ist von Manfred Pernice. Seit über zwanzig Jahren baut der Künstler Dosen. Aber was genau ist eine Dose? Was braucht sie, um eine Dose zu sein? Kommt es am Ende überhaupt darauf an? Die Dose kann alles sein. Sitzgelegenheit oder Büchergestell, Turm oder Tafel. Sie lässt sich unter den Rock gucken oder zwischen die Rippen. Sie ist mobil oder aus Beton. Manfred Pernice hat der Kunst die Dose verpasst. Angefangen hatte alles mit kleinen, zylindrischen Kartonplastiken. Doch anders als Architekturmodelle waren sie nicht einfach die Vorstufe für eine vergrösserte Ausführung. Gemeinsam mit Zeichnungen und hinzugefügten Gegenständen bildeten sie eigenständige Ensembles im Miniaturformat. Liess sich die formale Qualität der kleinen Kartonzylinder auch in einen grösseren Massstab übertragen? Der Künstler wechselte das Material und arbeitete mit MDF-Bauplatten. Dort, wo der Karton gefalzt war, wiesen die Platten Fugen auf.

Die grosse Dosenfamilie
Statt der glatten Haut des aus einem Stück gefertigten Metallzylinders zeigen Pernices Dosen eine gebaute Struktur und bieten einen riesigen architektonischen Spielraum, der sich vor allem dann offenbart, wenn der Künstler unterschiedliche Verwandtschaftszweige aus der Dosenfamilie ausstellt. Im Portikus in Frankfurt/M bestellte er ein ‹1a-Dosenfeld›, veranstaltete im Hamburger Bahnhof in Berlin einen ‹Dosentreff› oder schickte seine Werke in Hamburg auf den ‹Dosenweg›.
Im Kunstmuseum St. Gallen präsentiert Pernice nun die ‹2b-Dosenwelt›, die jedoch viel mehr ist als ein weiterer Teil des Dosenuniversums. Sie ist das Dosenuniversum selbst, vom Urknall bis in die peripheren Umlaufbahnen. Mit einer unbe­titelten Arbeit aus dem Jahr 1997 ist eine der frühen Kartondosen zu sehen. Sie sitzt in diesem Fall auf einem Instantkaffeeglas: Das Glas wird zum Sockel der Dose, die ­Dose zum Deckel - schon hier sind die späteren Transformationen vorhanden. Zudem deuten Zeichnungen eines Lampenschirms ein Grössensystem an, das bald ausformuliert wird. Die ‹Signaldose VT›, 1998, ist eine der ersten in neuem Massstab. Mit ihrem Umfang und ihrer Höhe wird die Dose zum Körper, zugleich werfen Titel und Farbe - ein leuchtendes Rot - die Angel aus: Der Körper wird zu dem einer Boje, einer Signaltonne auf hoher See. Die ‹Signaldose VT› ist hier umgeben von Dosen der frühen zweitausender und der letzten drei Jahre. Sie alle eint das Unperfekte, das Raue, das Improvisierte, das selbst dann noch dominiert, wenn die Dose lackiert oder üppig dekoriert ist.

Zeitlosigkeit versus Zeiträumlichkeit
Verblüffend ist in dieser Zusammenstellung die Zeitlosigkeit der Dosen, und dies, obwohl Pernice Zeiträume thematisiert: «Was die Objekte gemeinsam haben, ist ihr Vermögen, einen Zeitraum zu eröffnen: Dieser Raum beginnt mit dem angenommenen Entstehungszeitpunkt des Objekts und reicht in unsere Jetzt-Gegenwart. [...] In vielen Fällen setze ich Objekte ein, um Wirkungen zu organisieren, die mit Materialität und Zeit-Räumlichkeit (da hinein können Texte und Bilder gestellt sein) zu tun haben. [...] Aber ich verwende sie auch als Dokumente oder narrative Elemente im Verhältnis zu/mit ‹skulpturaler› Arbeit.» Die Dosen werden zum Einweckglas für vergriffene Publikationen, für Fotokopien jahrzehntealter Zeitungsausschnitte, für historisches Material vom Spielzeug bis zur Anstecknadel. Oft sind die Objekte im Inneren der Dosen verborgen, bleiben unerreichbar, geheimnisvoll und spekulativ; oft sind sie aber auch an oder auf den Dosen angeordnet. Pernice jongliert nicht nur mit der erzählerischen Ebene, sondern auch mit der Geste des Zeigens.
Die Doppelfunktion der Dosen als Zeigendes und Gezeigtes wird dann besonders offensichtlich, wenn sie Kunst präsentieren. So entstand die Werkgruppe ‹Die 3. Dimension›, 2000, für die Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg. Die Dosen wurden dort als Sockel für Skulpturen von August Gaul, Mathias Göritz, Franz Xaver Messerschmidt, Man Ray und anderen verwendet. In der St. Galler Schau sind auf diesen ­Dosen Werke von Walter Bodmer, Diogo Graf, Wolfgang Laib und Fritz Wotruba zu sehen sowie ein namenloser Keramikkopf. Kunst und Nichtkunst werden hierarchielos präsentiert. Zudem werden Werkgruppen weder immer gleich bestückt, noch müssen sie vollständig anwesend sein, stattdessen werden sie in situativ angelegten Feldern frisch kombiniert. So ersetzen neu zusammengestellte Materialien zu Bernhard Heiliger, Siegfried Krepp oder Wotruba teilweise die Persönlichkeiten oder die fehlenden Originale des ‹Dosentreffs›, wie er ursprünglich im Hamburger Bahnhof in Berlin präsentiert wurde, und schon ist die ‹Ersatzgruppe (Dosentreff)› geboren.
Pernice nutzt Ausstellungen als offene Räume der Möglichkeiten. Er agiert als Kurator, ohne sich einer Kohärenz des Präsentierens verpflichtet zu sehen, so schreibt er zum ‹1a-Dosenfeld› im Portikus: «Das Dosenfeld erzählt nun keine Geschichte, der man folgt, sondern stellt eine den Besucher umgebende Situation dar. Dieser betritt einen Unsinnzusammenhang, eine unerträgliche Zumutung von Einzelaspekten, die nur als künstlerischer Entwurf akzeptabel ist und doch potenziell einen Typus alltäglicher Wahrnehmung parallelisiert.»

Sinn und Unsinn
Pernice konfrontiert Sinnsuchende mit wohl dosierten Unsinnzusammenhängen: «Das Dosenfeld stellt einen solchen Unsinnzusammenhang dar, der vom Betrachter natürlich versuchsweise sofort in einen Sinnzusammenhang umgewandelt wird. Jede Beschäftigung mit einem Einzelaspekt ergibt Sinn, die Aspekte insgesamt jedoch nicht. Auf der Suche nach Sinnfälligkeit werden diese Unsinnsituationen meist nicht bemerkt, obwohl das Leben voll davon ist.» Die ‹2b-Dosenwelt› ist mit ihren laut Pernice «locker gehäkelten» Zusammenhängen diesbezüglich eine würdige Nachfolgerin des ‹1a-Dosenfelds›. Und sie reicht weit darüber hinaus: Zum ersten Mal sind die Dosenmotive in einer Überblicksausstellung versammelt. Zum ersten Mal treffen Dosen aus unterschiedlichen Kontexten in neuen Konstellationen aufeinander. Damit wird ihr spezifischer Ortsbezug zwar hinfällig, aber es eröffnen sich Chancen zu neuen sinnigen oder hinreissend unsinnigen Dialogen.
Wer es ortsbezogen mag, geht ebenfalls nicht leer aus. Die raumgreifende Installation ‹Tutti› erlebt im Foyer des Kunstmuseums St. Gallen ihre sechste Reinkarna­tion. War sie in Salzburg, Gent oder im Haus der Kunst in München noch mit beinahe funktionstüchtigen Zimmersegmenten ausgestattet, so ist jetzt nur die Grundstruktur verwendet. Führte ‹Tutti› in München auf eine eigens errichtete temporäre Plattform, die den freien Blick in die riesige Halle erlaubte, so ermöglicht die St. Galler Fassung es mit der kleinen Wendeltreppe erstmals, die üppige, neopompejanische Ornamentik auf Augenhöhe zu erleben. Einmal mehr fällt auf, dass in diesem Haus, das einst auch die naturhistorischen und kulturgeschichtlichen Sammlungen beherbergte, nur die Begriffe Skulptur, Architektur und Malerei in den Deckenschmuck eingebettet sind: Schlüssig und gewohnt humorvoll führt Pernices skulpturale, quasi-architektonische und in der Oberflächengestaltung delikat malerische Arbeit ein Zwiegespräch mit dem Vorgefundenen.
Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen. post@kristinschmidt.de
Zitate: Frieze 2011, Portikus, Frankfurt/M, 2000; Gespräch St. Gallen, 2016


Bis: 19.02.2017


Manfred Pernice (*1963, Hildesheim) lebt in Berlin

seit 2012 Professor für Bildhauerei an der Universität der Künste Berlin
2012/2013 Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste München
2004-2009 Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien
1988-94 Hochschule der Künste Berlin
1984-87 Hochschule für bildende Künste Braunschweig

Einzelausstellungen (Auswahl)
2013/2014 ‹Manfred Pernice: Tutti IV›, Haus der Kunst, München
2013 ‹fiat(lux)›, Institut d'Art Contemporain Villeurbanne/Rhône-Alpes
2011 ‹Brei›, S.M.A.K. - Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Ghent
2011 n.b.k., Neuer Berliner Kunstverein
2010 ‹Manfred Pernice. Tutti›, Kunstverein Salzburg
2010 ‹sculpturama›, Secession, Wien
2008 ‹Que-Sah›, Neues Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg
2007 Haldensleben, Museum Ludwig, Köln
2000 ‹1a-Dosenfeld›, Portikus, Frankfurt/M



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Manfred Pernice [11.11.16-19.02.17]
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Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Manfred Pernice
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