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Fokus
1/2.2017


 Es war keine Absicht: Mit dem Begriff «Crritic!» aus Samuel ­Becketts ‹En attendant Godot› haben wir zwar unserer Workshop-Reihe zur Kunstkritik ein Schimpfwort vorangestellt. Dass aber die Laune unter den Schweizer Kunstkritiker/innen gar ähnlich schlecht ist wie bei Godots Wartenden, hätten wir nicht gedacht.


Crritic! - Die schlechte Laune der Schweizer Kunstkritik


von: Aoife Rosenmeyer
von: Daniel Morgenthaler

  
links: Crrrrrritic! #5 im Sitterwerk, St. Gallen Foto: Katalin Deér
rechts: Crrrrritic! #4 im Kunsthaus Baselland, Muttenz Foto: Daniel Morgenthaler


«Abortion! - Morpion! - Sewer-rat! - Curate! - Cretin! - Crritic!» Vladimir und Estragon werfen sich in der englischen Übersetzung von Samuel Becketts «En attendant Godot» Fluchwörter an den Kopf. Bis Estragon - «with finality» - sagt: «Crritic!». Vladimir entgegnet einzig: «Oh!»
Wir wollten nicht nur «Oh!» sagen, wenn jemand das Wort «Krritiker» als Schimpfwort benutzt. Wir wollten in verschiedenen Schweizer Städten die Frage stellen, weshalb «Krritiker» oder auch «Krritik» in der visuellen Kunst zum Unwort geworden ist, etwa in Sätzen wie «Die Kunstkrritik ist in der Krrise!» oder «Krritiker braucht es gar nicht mehr!». Wir wollten aber auch offen lassen, ob «Crritic!» vielleicht mittlerweile zu wenig Schimpfwort ist - und Kritikerinnen und Kritiker wieder mutiger und offensiver werden müssten.
Aufbauend auf der Arbeit von Katya Garcia-Anton und Barnaby Drabble, die in Kooperation mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und der AICA Schweiz, dem Schweizer Ableger der Association internationale des critiques d'art, begonnen hatten, eine Initiative zur Schweizer Kunstkritik zu lancieren, fingen wir mit der Planung einer Veranstaltungsreihe an. ‹Critic! #0›, ein nichtöffentlicher Initiationsworkshop mit eingeladenen Kritiker/innen aus verschiedenen Schweizer Sprachregionen und internationalen Gästen, lieferte uns dafür Diskussionsstoff: zum Beispiel in Form von ganz konkreten Massnahmen, die entweder dafür sorgen sollten, dass Kunstkritiker oder Kunstkritikerin kein Schimpfwort mehr ist - oder eben wieder eines wird.

Crritic! 1: Promoter! - Impassionate! - Egoist! - Crritic!
Verschiedene Medien könnten dafür ausprobiert und stärker genutzt, die Zusammenarbeit mit Institutionen intensiviert oder auch neue Plattformen geschaffen werden. Um die Machbarkeit dieser Massnahmen direkt auszuloten, haben wir Sophie Yerly, die den Blog ‹We Find Wildness› betreibt, Marco de Mutiis, Betreuer von ‹Still Searching›, dem Blog des Fotomuseums Winterthur, und die Initiant/innen des neuen Zeitschriftenprojekts ‹Brand New Life› für Kurzpräsentationen im Oktober 2015 ins Zürcher Corner College eingeladen. Sofort wurde in der anschliessenden Diskussion hinterfragt, ob ein tendenziell auf Bildern basierender Blog überhaupt Kunstkritik sei und nicht vielmehr Promotion. Und ob allgemein bei solchen Projekten genug Passion für die Kunst im Spiel sei. Der Vorschlag aus ‹Critic! #0›, einen Preis für Kunstkritik auszuschreiben, um die materiellen Sorgen von frei Arbeitenden zu lindern, wurde gar als zu egoistisch abgetan. Und in der insgesamt schlechten Laune wurde zunehmend unklar, ob hier ein utopisches Bild der Kritkerin, des Kritikers gezeichnet wurde - oder doch ein reaktionäres.

Crrritic! 2: Cumuler les casquettes
Im November in Genf, in der Embassy of Foreign Artists, war die Laune markant besser. Vielleicht weil Samuel Schellenberg, Kunstredaktor der Zeitung ‹Le Courrier› und Organisator von ‹Crrritic! #2›, mit Elise Lammer eine Künstlerinkuratorinkritikerin eingeladen hatte, die in ihrer Videoarbeit ‹The Grey Zone› mit Leichtigkeit das vormachte, was jemand im Publikum als «cumuler les casquettes» bezeichnete: die gerade im Bereich der bildenden Kunst immer wieder auffällige Personalunion von Kritikern und Kuratoren zum Beispiel. Vielleicht auch, weil Künstler wie Guillaume Pilet nicht nur schon selbst Kritik an der Kritik geübt haben - mit dem Heft ‹Criticism› - sondern fundierte Kritik auch aktiv begrüssen. Was dann auch gleich wieder bezweifelt wurde, sekundiert mit der Bemerkung, dass auch die Institutionen Kritik tendenziell immer mehr zu neutralisieren versuchen.

Crrrritic! 3: Smettere di sottomersi!
Richtig lebendig wurde es dann aber in der ‹Sonnenstube›, einem Kunstraum in Lugano. Boris Magrini, Kunsthistoriker und Teilnehmer an ‹Critic! #0›, lud im Februar 2016 Eliza Rusca aus Berlin ein, über eine in Zusammenarbeit mit der AICA entwickelte Plattform zum Austausch von Texten zu berichten. Dass es in der überschaubareren Tessiner Szene wohl allgemein zu wenig Gelegenheit für solchen Austausch gibt, zeigte sich nur schon an der Tatsache, dass rund vierzig Personen intensiv am Gespräch teilnahmen. Potenzial für das Implementieren konkreter Massnahmen wurde vor allem im Digitalen ausgemacht - etwa in Form eines Online-Kalenders oder -Magazins. Ideen zur aktiven finanziellen Subventionierung von Kunstkritik wurde aber mit dem lauten Protestruf entgegnet: «Bisogna smettere di sottomettersi» - «Wir müssen aufhören, uns unterzuordnen!» Damit zumindest in dieser Hinsicht eine gewisse Autonomie bewahrt wird.

Crrrrritic! 4: You swine, we pearls!
Im Kunsthaus Baselland im April 2016 wären Vertreter/innen von ‹Artforum›, der ‹TagesWoche› und SRF2 Kultur (Adam Jasper, Dominique Spirgi und Ellinor Landmann) hautnah erlebbar gewesen. Aber Interessierte schien es an diesem Abend nicht zu geben - ist Kunstkritik in Basel am Ende irrelevant? Immerhin wurde viel diskutiert. Im Gespräch mit Isabel Zürcher, die selbst oft als Kritikerin aktiv ist, haben die Rednerinnen von ihrem Alltag erzählt, vom Willen, zu kommunizieren, egal ob die Mittel begrenzt sind. Vom Luxus der Schweiz, wo man unvergleichlichen Zugang zu Sammler/innen und Expert/innen hat. Von neuen Herangehensweisen der Digital Natives - und von der Ausdauer, die Kritiker/innen benötigen, um künstlerische Positionen zu hinterfragen.

Crrrrrritic! 5: You better work
«Ok!», dachten wir - «machen wir die nächste Veranstaltung klein.» Im Sitterwerk, St. Gallen, sassen wir im Mai 2016 zu acht um einen Tisch herum, für eine dreistündige, intensive Diskussion. Als Künstler schätzte Felix Studinka die Auseinandersetzung einer Kritikerin mit seiner Arbeit, als Professor bedauerte Ruedi Widmer die mangelnde Kritikausbildung. Andere Stimmen (Gioia Dal Molin, Pablo Müller, Yasmin Afschar, Jiajia Zhang, Roland Früh) nannten die Notwendigkeit einer Systemkritik und erkannten, dass Kunstkritik immer eine Gratwanderung zwischen Fachkenntnissen und kluger Naivität ist. Wenn alte Systeme auf neue Bedürfnisse treffen, bringe babylonisches Sprechen nichts - Kritiker/innen seien selbst schuld, wenn sie lediglich alte Muster zu wiederholen versuchten.

Crrrrrrritic! 6: Really, the glass is nearly full
Etwa ein Jahr nach dem Start, im September 2016, waren wir zurück in Zürich. «Erzählen wir von unseren guten Erfahrungen», meinten wir, «von der Begeisterung im Tessin, vom fast publikumslosen Enthusiasmus in Basel, von den herausfordernden Gedanken in St. Gallen!» Der Ton in Zürich war dennoch erneut düster. Obwohl Alexandra Stäheli vom Atelier Mondial ein inspirierendes Inputreferat vortrug, blieb die Stimmung negativ. Kunstkritik - im Gegensatz zur wöchentlichen Kritik des ‹Tatorts› - habe schlicht keinen Platz mehr in Zeitungen, die Kritik stehe in der Krise, so Peter Studer. Die Laune hob sich nur etwas, weil sich alle einig waren, dass ein Fonds zur Finanzierung von längerfristigen Rechercheprojekten, die dann in kunstkritische ­Texte münden, willkommen wäre. Nur dass gleich wieder eingewandt wurde, dass das alles nichts nützt, wenn die Zeitungen eben nicht mehr der geeignete Ort für solche Texte sind.
Kommt die schlechte Laune daher, dass wir versuchen, die CD zu retten, obwohl wir ja alle unsere Musik nur noch downloaden? Dass wir Textformaten nachhängen, die ohnehin in der Turboökonomisierung der Medien verschwinden werden, und dabei verschlafen, die neuen, beispielsweise digitalen Potenziale zu nutzen? Vielleicht. Vielleicht müssen wir aber auch vom neuerlichen, überraschenden Revival der lange totgesagten Schallplatte lernen. Die Laune jedenfalls kann nur noch besser werden.
Aoife Rosenmeyer ist Kritikerin, Übersetzerin und gelegentlich Kuratorin. aoife@rosenmeyer.ch
Daniel Morgenthaler ist Kritiker und Kurator am Helmhaus Zürich.dani_moergi@hotmail.com


Termine und Aktuelles zur Veranstaltungsreihe
www.crritic.ch



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Ausgabe 1/2  2017
Autor/in Aoife Rosenmeyer
Autor/in Daniel Morgenthaler
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