Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Ansichten
1/2.2017


 Ihr Bild ist uns seit Kindheit vertraut - obwohl wir sie mit blossem Auge gar nicht sehen können. Allenfalls ihre grossen Schwestern, die im Winter als Eisblumen wunderbare Landschaften an die Scheiben zeichnen. Für beide gilt, was Goethe einst über die Pflanzen schrieb: «Keine gleichet der andern.»


Ansichten - Wilson Bentley: Schneeflocken


  
Wilson Bentley · Studies among the Snow Crystals, Plate XIX, aus: Monthly Weather Review, 1902. Image, ID: wea02087, NOAA's National Weather Service (NWS), Vermont, Jerichot


In der Tat scheint sich uns in den Schneeflocken, diesen zauberhaften Gebilden, zu denen sich im Winter - so es die Temperaturen gestatten - Eiskristalle ordnen, die ­Natur als ebenjene Künstlerin zu offenbaren, deren Werk der Zoologe und Morphologe Ernst Haeckel um 1900 nicht nur im Bau der Kleinstlebewesen bewunderte, sondern auch in den Kristallen. Nahezu zeitgleich zur Entstehung von Haeckels ‹Kunstformen der Natur›, 1899-1904, und Karl Blossfeldts Vorarbeiten zu den im Pflanzenreich entdeckten ‹Urformen der Kunst› hatte sich in den Vereinigten Staaten ein Mann darangemacht, die ebenso zarte wie vergängliche Schönheit der Schneeflocken in all ihrer Vielfalt fotografisch festzuhalten und zu ordnen. Wilson «Snowflake» Bentley, ein Farmer aus Vermont, war mit einer von ihm selbst gebauten Kombination aus Mikroskop und Kamera zum Schneeforscher geworden; gut die Hälfte seiner weit über 5000 Aufnahmen wurden 1931 in seinem Buch ‹Snow Crystals› publiziert, dessen Motto sich wie ein Echo auf Goethes viel zitierte Zeilen liest: «No two snowflakes are alike.»
Auch wenn wir heute über Technologien verfügen, die das Unsichtbare in ganz anderen Massstäben sichtbar machen, haben die Aufnahmen Bentleys nichts von ihrem Zauber eingebüsst. Im Gegenteil: Gerade weil wir wissen, mit welch schlichten Mitteln hier ein einfacher Mann Wissenschaft betrieb und zugleich die Pforte zum Wunderbaren aufstiess, findet sich der Fotograf in jedem seiner Bilder unvergänglich gespiegelt. Aus heutiger Perspektive ist hinzuzufügen: Dass Digitalisate dieser Bilder frei im Netz kursieren, entwertet sie nicht. Vielmehr fördern sie auf breiter Basis das Bewusstsein um die Bildkräfte der unbelebten Natur und das Interesse an der Erforschung dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Als Schule des Blicks zeigen sie, dass es lohnt, sich nicht mit einem einzigen Bild zufriedenzugeben. Und ermutigen dazu, die Ängste vor jener «Bilderflut» abzulegen, in der wir im Zeitalter digitaler Medien angeblich zu ertrinken drohen - und vor der es deshalb namentlich die Kunst zu schützen gelte. Können «Schöpfungshöhe», und wenn man denn so will, «Einzigartigkeit» denn wirklich in der Vielheit untergehen - oder geht es nicht eher darum, Vielfalt als Wert anzuerkennen und zu lernen, was feine Unterschiede sind?
Zweifelsohne lässt sich über diese Fragen trefflich streiten. Ist es denn nicht so, dass die einzelne Schneeflocke unter ihresgleichen unsichtbar wird? Bentleys Bilder indes lehren uns, dass sich dieser Eindruck allein unserem Blick verdankt. Wenn wir genau genug hinsehen, wird ihre einzigartige Schönheit offenbar.
Verena Kuni, Kunst-, Medienwissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt/M. verena@kuni.org



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2017
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Wilson Bentley
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=161222120206ROH-6
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.