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Besprechung
1/2.2017


Katharina Holderegger Rossier :  Der multidisziplinäre Künstler spielt in seiner von zwei neuen Büchern begleiteten Schau im Centre de la photographie ­Genève mit der Fotografie zwischen Alltag und den semantischen Feldern des Mediums. Wie beiläufig gelingt ihm so ein äusserst präzises Sittenbild unserer Tage.


Genève : Peter Tillessen - Abgründige Oberflächen


  
Peter Tillessen · Superficial Images, 2016, Ausstellungsansichten Centre de la photographie, Genf


Tillessen (*1969) hat auf den grauen Wänden des CPG locker Fotopapiere verteilt, auf denen blaulastige, wie nicht ganz und gar Bild gewordene Fotos zu sehen sind. Oft sind sie auf den breiten Rändern mit Titeln versehen, die nur noch mehr grübeln lassen, was es mit all diesen Aufnahmen auf sich hat, die der Künstler an ­seinem Wohnsitz in Zürich sowie auf unzähligen Reisen als «Corporate Photographer» in vor allem hochentwickelten und von Massenware gefluteten Ländern geschossen hat. Im Gegensatz zu seinen technisch perfekten Auftragsarbeiten kommen diese Aufnahmen bewusst amateurhaft daher.
Man vernarrt sich dabei ganz buchstäblich zunächst in die Werke mit humorvollen Kippmomenten, die sich aus den Schwächen von Wort und Bild ergeben. Sie zeigen den Künstler vermeintlich beim Ausführen von Ballettfiguren oder Yogaübungen, unter denen dann allerdings ‹My favourite...› oder ‹Another good sleeping position› steht. Oder es sind Musiker ins Zentrum gerückt, die mal als ‹Musician playing...› mal als ‹...not playing Besamo Mucho› augegeben sind. Aus ihnen lässt sich nicht nur die Moral ziehen, dass jede Info - besonders aus den blaulastigen Bild-Wort-Quellen TV und WWW - mit Skepsis zu behandeln ist. Die hier geforderte Aufmerksamkeit hilft auch beim Entschlüsseln einer weiteren Serie, in der sich Tillessen mit dem ­Dekodieren unseres mehr denn je zerstörerischen, betäubenden Finanz- und Konsumsystems beschäftigt. So stellt er mit Titeln wie ‹Täter› und ‹Addict›, die er unter die Bahnhofstrasse entlang spazierende Herren in massgeschneiderten Anzügen und handgenähten Schuhen oder unter tankende Fahrzeugeigentümer setzt, unverblümt klar, wie es um die aktuellen Machtverhältnisse steht und wo radikale Korrektur nottun würde. Und man ahnt vor beliebigen Bildern, die mit ‹The World with­out Muammar Gaddafi› oder ‹...Hugo Chavez›, dass der Sturz von Potentaten ein Pappenstiel dagegen ist. Schliesslich greift Tillesen die für Kunstschaffende heute vielleicht wichtigste Thematik auf, indem er gleichenorts wie 1994 Andreas Gursky, auf dem Ofenpass, ein eigenes Foto aufnimmt, das er ebenso grossformatig, doch für ein Kleingeld in einer 8000er-Edition anbietet. Und fragt: Wie intervenieren wir effizient für eine bessere Zukunft, statt durch die Produktion von künstlich verknappter Ware für die Happy Few dem Status quo gefällig zu sein?

Bis: 22.01.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Peter Tillessen [25.11.16-22.01.17]
Institutionen Centre de la Photographie Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Peter Tillessen
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