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Besprechung
1/2.2017


Alice Henkes :  Im Werk von M.S. Bastian und Isabelle L. verbinden sich Malfreude und Zeitkritik. Ihr Werk ist visuell von der Comic-Szene der Achtzigerjahre geprägt und hat sich zu einer Reflexion über die westlichen Gesellschaften entwickelt. Deutlich zeigt sich das in ihrer Hommage an Picassos ‹Guernica›.


Luzern : M.S. Bastian und Isabelle L. - Guernopolis


  
Guernopolis, 2012-2016, Malerei und Zeichnung mit Collage auf Leinwand, 350x780 cm, zehnteilig. Foto: Patrick Weyeneth


Pablo Picasso malte ‹Guernica› 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche und italienische Luftwaffe. Das Gemälde wurde zu einer der berühmtesten und dezidiertesten künstlerischen Stellungnahmen zu Krieg und Gewalt, Zerstörung und menschlicher Grausamkeit. Im Werk ‹Guernopolis› von M.S. Bastian (*1963) und Isabelle L. (*1967) lehnt sich nicht nur die Titelwahl an das bekannte Picasso-Bild an. Das Duo bezieht sich mit seinem in Schwarz-Weiss gehaltenen Gemälde klar auf die humanistische, gesellschaftskritische Haltung, die auch Picasso antrieb. In der künstlerischen Umsetzung aber zeigen sich die beiden Bieler sehr frei und bleiben ihrer ureigenen Bildsprache treu. Die beiden Kunstschaffenden, die in ihrer Entwicklung eng mit der Bieler Comic-Szene verbunden sind, wurden im In- und Ausland für ihre Wimmelbilder bekannt, für die sie tief und ungeniert in die Kiste der zahllosen Vor-Bilder greifen, die hohe Kunst und Alltagskultur bieten. In ihren meist farbenfrohen Bildern und Objekten mischen sich Künstlerisches und Profanes, Stilles und Lautes, Sinnhaftes und Absurdes. Die Basis bilden oft grafisch reduzierte Darstellungen von Stadt- oder Naturräumen, die mit einer Überfülle an Figuren und Objekten belebt sind. Micky Mouse und Van Gogh, Barbapapa und Hokusai - sie alle leben unbekümmert in Bastopolis, jener Kunstwelt, welche die beiden Bild um Bild erschaffen. Gerade in diesem scheinbar chaotischen Nebeneinander der Stile und Figuren sind ihre Werke Abbild unserer von vielfältigsten Bildern und einander zuweilen scharf widersprechenden Ideen geprägten Welt.
‹Guernopolis› liest sich wie eine Nachtaufnahme aus dieser Bildwelt, die bei flüchtigem Betrachten so bunt und heiter wirkt. Die lustigen Comicfiguren aus dem sonnigen Bastopolis haben sich in Fratzen verwandelt - furchteinflössend und angstverzerrt. ‹Guernopolis› entstand als Vorstufe des 2010 veröffentlichten, 50 Meter langen Bildzyklus ‹Bastokalypse›, in dem das Duo die dunklen Seiten der Menschheits­geschichte aufarbeitet. Was in der ‹Bastokalypse› als kühn komponierter Reigen der Schrecken von Angstträumen bis Zyklon B zu sehen ist, erscheint in ‹Guernopolis› als unüberblickbares Gedränge des Leidens. Ungefiltert haben die beiden Zeitungsleser ihr Entsetzen über eine Welt voller Kriege, Morde und Massaker in dieses Bild einfliessen lassen. Es ist ein beklemmender Ausdruck der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Bildern angesichts realen menschlichen Leidens.

Bis: 12.02.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen M.S. Bastian, Isabelle L. [07.01.17-12.02.17]
Institutionen Kunsthalle Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Isabelle L.
Künstler/in M.S. Bastian
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