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Besprechung
1/2.2017


Jana Bruggmann :  Frauke Dannert zeigt, was passiert, wenn Architektur zum Material der Kunst wird. Sie spielt sowohl mit dem vorgefundenen Raum wie mit einem heterogenen Fundus an Fotografien. Entstanden ist eine raumgreifende Collage zwischen Raumzerstörung und Weltenbau, hartem Schnitt und gelungener Synthese.


Luzern : Frauke Dannert - Collage


  
links: Frauke Dannert · Collage, 2016, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern. Foto: Sebastian Freytag
rechts: Frauke Dannert · Fliege, 2015, Papiercollage,47,7x33 cm, Privatsammlung


Bereits der erste Schritt in den Raum irritiert: Es ist, als verlöre man die Bodenhaftung. Eine Collage aus Teppich und Farbe bekleidet Boden und Wände. Die gesamte Statik gerät ins Wanken. Erst bei genauerer Betrachtung wird ersichtlich, wo der Boden aufhört und die Wände beginnen. Das Auge folgt den neuen Flucht­linien und bleibt an Bildern im Bild hängen. Denn die Raumcollage beherbergt weitere Collagen auf Papier, Metall und Holz sowie eine Serie Fotografien. Dabei sind die Mittel von Frauke Dannert (*1979) zum Weltenbau nicht Stein und Mörtel, sondern vornehmlich Schere, Leim und Papier. Mit Vorliebe seziert die Künstlerin Gebäude des sogenannten Brutalismus und setzt die einzelnen Teile zu neuen Bildwelten zusammen. Spürt man zuweilen kubistisch-konstruktivistische Einflüsse oder fühlt sich an die Formensprache des Bauhauses erinnert, verweisen die Titel auf Metamorphosen im Geist des Surrealismus: Die Parkhausauffahrt des 2004 abgerissenen Tricorn Shopping Centre in Portsmouth verwandelt sich in ein schlangenhaftes Gebilde, ‹Serpentine II›, 2011; das Bertrand Goldbergs Prentice Women's Hospital löst sich in schwebende Bänder auf, ‹Ribbon›, 2015; und das ikonische Dach von Le Corbusiers Notre-Dame-du-Haut wird vervielfältigt und zum Fächer arrangiert, ‹Fächer›, 2013.
Gekonnt verschränkt Dannert den begehbaren Raum mit den papierenen Illusionsräumen. Ihre Architekturen scheinen ephemer und in stetiger Bewegung. Das Spiel mit Grössenverhältnissen, Vervielfältigung und Symmetrie, mit Zeit, Raum und Gravitation fordert nicht nur die Fantasie heraus. Die Raumcollage wirkt direkt auf die Physis. Sie beeinflusst auf irritierende Weise das Raumempfinden. Was Dannert erzeugt, sind Heterotopien: Räume, die nach eigenen Regeln funktionieren. Dabei scheint die Künstlerin das zeitgenössische Lebensgefühl mit ihren dislokalisierten Architekturen und prekären Strukturen sowohl zu spiegeln wie zu konterkarieren. Zum einen korrespondieren ihre Bildfindungen mit dem Flüchtigen, Episodischen und Instabilen des gegenwärtigen Lebens. So bleibt denn ihr «Gesamtkunstwerk» in sich kaleidoskopisch. Zum anderen rückt sie dem digitalen Zeitalter mit analogen Mitteln zu Leibe. Auffälliger noch: Dem Anthropozän, in dem Raum und Ressourcen zu hart umkämpften Gütern avancierten, begegnet sie mit ungehemmtem Weltenbau. Das kreative Potenzial ist nicht erschöpft, das Recycling in vollem Gange.Statt Alternativlosigkeit präsentiert Dannert ein Universum der Optionen.

Bis: 12.02.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Frauke Dannert [10.12.16-12.02.17]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Jana Bruggmann
Künstler/in Frauke Dannert
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